
Anregungen, Auslegungen, Abwägungen über das Übersetzen, die Sprache und den ganzen Rest von Gabriele Zöttl, Übersetzerin, Lektorin, Literaturwissenschaftlerin, Filmfan und noch so dies und das mit einer Schwäche für die Donquixoterie.
Das Online-Kontextwörterbuch Linguee ist aus meinem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken. Gespannt habe ich daher die angekündigte Profiversion erwartet, die nun in Form von zwei Abomodellen herausgekommen ist:
So weit die Pressemeldung. Jetzt geht’s ans Eingemachte – ich hole mir Linguee Professional auf den Computer.
Das Programm ist schnell heruntergeladen und problemlos installiert. Danach enthält die Windows-Taskleiste ein neues Symbol, über das die üblichen Grundfunktionen wie Öffnen, Neustarten und Einstellungen aufgerufen werden können. Ein Doppelklick auf das Symbol öffnet ein Anwendungsfenster. Aha, Linguee ist nun also als eigene Windows-Anwendung auf meinem Computer vorhanden. (Weil es Dienst-Abonnements in allen Formen und Farben gibt, war ich mir in diesem Punkt keineswegs sicher.) Die nächste Frage lautet denn auch: Kann ich mein Pro-Abo auch unter linguee.de nutzen? Die Antwort: Ich kann. Melde ich mich auf der Website mit meinem Kennwort an, werden auch dort die Professional-Funktionen angezeigt, die zudem perfekt mit der Windows-Anwendung synchronisiert sind. So hat man das als mobiler Mensch gerne! Wie sieht es bei der Synchronisierung mit der Datensicherheit aus? Laut Datenschutzerklärung werden alle Wörterbuchanfragen SSL-verschlüsselt übertragen. Ich nehme an (oder hoffe), daß das auch für die Synchronisierung zwischen Desktop-Anwendung und Website gilt.
Nachdem das Technische geklärt ist, interessiert mich zunächst, ob sich an der Wörterbuchsuche etwas geändert hat. Und in der Tat wird über der rechten Ergebnisspalte ein Qualitäts-Schieberegler angezeigt, über den Sie einstellen können, ob Ihnen die genaue Übereinstimmung der Treffer mit Ihrem Suchbegriff oder die Suche in hochwertigen Texten wichtiger ist. Eine schöne Funktion, die die beiden Hauptgründe, aus denen wir Wörterbücher konsultieren, widerspiegelt und bei meinem ersten Probelauf je nach Einstellung tatsächlich sehr unterschiedliche Treffer hervorbringt.
Eine zweite Neuerung entdecke ich in den Einstellungen. Unter »Bevorzugte Quellen« können für verschiedene Themengebiete Quellen ausgewählt werden, deren Übersetzungen vorrangig herangezogen werden sollen. Die angebotenen Quellen von EuroLex bis Goethe-Institut sind Übersetzern als reicher Terminologiefundus wohlbekannt. Die im Einleitungstext dieser Seite genannte Möglichkeit, eigene Quellen zu definieren, habe ich allerdings nicht gefunden.
Die grundlegende neue Funktion beider Linguee-Dienste ist die Windows-Integration, also die Möglichkeit, die Wörterbuchsuche aus beliebigen Windows-Anwendungen heraus aufzurufen. Ich habe diese Möglichkeit in mehreren Büroanwendungen (Text, Kalkulation, Präsentation) von Microsoft, LibreOffice und SoftMaker sowie in Firefox, Thunderbird und notepad++ ausprobiert und bin auf keinerlei Probleme gestoßen. Mit welcher Tasten- oder Klickkombination man Linguee aufrufen möchte, kann man in den Einstellungen festlegen. Die eingeblendete Ergebnisseite ist wie üblich aufgebaut: links die redaktionellen Übersetzungen, rechts die Beispielsätze. Sehr erfreulich ist dabei, daß Linguee nicht nur das gewünschte Wort in seinen verschiedenen grammatischen Formen sucht, sondern den ganzen Satz berücksichtigt. Eine echte Kontextsuche also.
Eine Kleinigkeit, die mir in diesem Zusammenhang auch gut gefällt, ist die Möglichkeit, über das Symbol in der Taskleiste vorübergehend alle Tastenkombinationen zu deaktivieren. Wer mit mehreren digitalen Wörterbüchern arbeitet, weiß, daß diese einander selbst bei unterschiedlichen Einstellungen oft genug in die Quere kommen. Durch die Deaktivierung kann ich es zum Beispiel schon einmal vermeiden, im Eifer des Gefechts in Linguee statt Lingvo (meinem russischen Wörterbuch) zu suchen.
In Linguee Professional wurde die Windows-Integration auf CAT-Programme ausgedehnt. Bei meinem ersten Probelauf habe ich die Funktion in Trados und memoQ ausprobiert. Überwiegend klappt das sehr gut, nur versteht Linguee in meinem nicht ganz neuen memoQ 4.2 statt des Worts, auf das ich zeige, manchmal nur wirre Zeichen, für die es dann natürlich keine Treffer findet. Ich habe das noch nicht eingehender getestet, vermute aber, daß hier ein Zeichensatzproblem vorliegt. (Ich bin alt genug, um mich an die ersten russischen digitalen Wörterbücher und den ewigen, oft unlösbaren Konflikt zwischen dem Zeichensatz von Betriebssystem, Textverarbeitung und Wörterbuch zu erinnern. Zeichensatzkonflikte beunruhigen mich deshalb längst nicht mehr, zumal sie heute meist schnell gelöst werden können.)
Geben Sie Ihre Suchbegriffe lieber in ein Suchfeld ein, möchten dabei aber nicht zwischen den Fenstern hin- und herklicken, können Sie mit der Tastenkombination Strg+Umschalt+L eine schlichte Suchleiste aufrufen.
Alle Suchvorgänge können in einer persönlichen Suchhistorie gespeichert werden. Aus Datenschutzgründen müssen Sie diese Funktion, falls Sie sie nutzen möchten, zuerst über das Buchsymbol im Suchfeld aktivieren.
Nicht neu ist die Möglichkeit, Vokabeln und Änderungen vorzuschlagen. Allerdings sehen Professional-Abonnenten in den Kontoeinstellungen jetzt eine Übersicht über alle ihre Vorschläge.
Wo kann man einfacher für Übersetzungsdienstleistungen werben als auf einer stark frequentierten Wörterbuchseite? In den Kontoeinstellungen von Linguee Professional können Sie ein Übersetzerprofil mit den üblichen Daten wie Sprachkombinationen, Fachgebieten, Lebenslauf und Berufserfahrung anlegen. Auf dieses Profil verweist ein auf der Website eingeblendetes Werbebanner, dessen Slogan Sie selbst formulieren.
In der Dienstbeschreibung spricht Linguee von mindestens 1 000 Werbeeinblendungen im Monat. Da auf der Website täglich über 2 Millionen Wörter abgefragt werden, scheint mir diese Zahl nicht zu hoch gegriffen, obwohl wir alle natürlich nur zu gut wissen, daß nicht jeder, dem einen professionellen Übersetzer nottut, auch einen sucht. Wie bei jedem Werbemedium wird sich auch hier erst nach einem angemessenen Testzeitraum eine Aussage über die Wirksamkeit treffen lassen.
Nach einem ersten Rundgang und Probelauf halte ich Linguee Professional für ein gelungenes Dienst-Abonnement, das mit durchdachten Suchmöglichkeiten auf den beruflichen Bedarf von Übersetzern eingeht und uns mit dem Werbeplatz ein verlockendes Schmankerl anbietet. Kleine Kinderkrankheiten tun diesem Gesamteindruck keinen Abbruch.
Zum Reinschnuppern können Sie das Abo bis zum 30. Juni 2012 kostenlos ausprobieren.
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