
Anregungen, Auslegungen, Abwägungen über das Übersetzen, die Sprache und den ganzen Rest von Gabriele Zöttl, Übersetzerin, Lektorin, Literaturwissenschaftlerin, Filmfan und noch so dies und das mit einer Schwäche für die Donquixoterie.
Das Internet hat zwar auf alles eine Antwort, aber nicht immer eine richtige. In letzter Zeit fällt mir in Blogs von Sprachmenschen, die es besser wissen sollten, vermehrt eine falsche Verwendung des Begriffs »Homonym« auf, nämlich als Bezeichnung für ein Wort mit mehreren Bedeutungen. Um es gleich vorwegzunehmen: Meist handelt es sich dabei nicht um Homonyme, sondern um ein Polysem.
Wenn Sie Homonyme zuverlässig erkennen möchten, machen Sie bitte erst einmal zwei Dinge:
Das Kriterium »Bedeutung« führt Sie nur in die Irre, wenn Sie nicht ganz genau wissen, wie sich der Bedeutungsgehalt eines Wortes entwickelt hat. Denken Sie zum Beispiel an Alltagswörter wie »Härte« oder »Zug«, von denen man auf den ersten Blick vielleicht annehmen könnte, daß sie viele verschiedene Bedeutungen haben. Tatsächlich handelt es sich aber um eine einzige Bedeutung, die je nach Kontext anders interpretiert wird.
Wenn Sie in Ihren Erkennungskriterien die Bedeutung durch die Herkunft ersetzen, sind Sie schon fast am Ziel. Den letzten Meter schaffen Sie, wenn Sie im Gedächtnis behalten, daß Homonyme immer mindestens paarweise auftreten. Ein Homonym ist immer das Homonym von irgendeinem anderen Wort.
Sehen wir uns noch einmal den »Zug« an: Gleichgültig, in welchem Zusammenhang Sie von einem »Zug« sprechen (Luftbewegung, Kraft, Lokomotive usw.), er ist immer das gleiche von »ziehen« abgeleitete Substantiv, also ein einziges Wort. Wollten Sie daraus ein Homonym machen, bräuchten Sie ein zweites Wort [zug], das aus einer anderen Wurzel gewachsen ist.
Nochmal zum Durchdenken:
Homonyme sind zwei Wörter verschiedener Herkunft, die heute gleich geschrieben (Homographe) oder gleich ausgesprochen (Homophone) werden.
Bröckelt die Denkmauer schon? Dann reißen wir sie mit einem weiteren Schritt hoffentlich ganz ein. Die irreführende Definition (ein Wort mit mehreren Bedeutungen) verleitet dazu, Homonyme nur innerhalb einer Wortart zu sehen. Vergessen Sie diese Einschränkung! Auch das sind Homonyme:
Um die Mauer endgültig dem Erdboden gleichzumachen, rüsten Sie sich am besten mit ein paar anschaulichen Beispielen aus.
Sind Sie noch da? Gut! Dann gehen wir jetzt zum Anfang, der Definition von Homonymen über die Bedeutung, zurück. Ich habe hoffentlich verständlich machen können, warum Sie diese Definition auf den Holzweg führen kann. Aber natürlich wäre sie nicht so weit verbreitet, wenn sie nicht doch irgendwie richtig wäre. Präzisieren wir sie also:
Homonyme sind Wörter, die heute gleich aussehen oder klingen, zwischen deren Bedeutung jedoch kein Zusammenhang besteht, weil sie aus verschiedenen Wurzeln stammen.
Denken Sie zum Beispiel an homographe Verbpaare wie »übersetzen – übersetzen« oder »umfahren – umfahren«: Beide Verben dieser Paare sind in ihrem Schriftbild identisch, doch zwischen ihrer Bedeutung besteht kein Zusammenhang.
Wer diese entscheidende Präzisierung nicht bedenkt, verwechselt Homonyme leicht mit Polysemen:
Ein Polysem ist ein Wort mit mehreren Bedeutungen, die in einem gemeinsamen Zusammenhang stehen.
Ein paar Beispiele:
Während Homonyme ein relativ seltenes Phänomen sind, gibt es Polyseme wie Sand am Meer, weil wir vorhandene Wörter laufend ausdifferenzieren, umdeuten und auf neue Gegenstände übertragen.
Aufschluß darüber, ob Sie es mit zwei Homonymen oder einem Polysem zu tun haben, gibt Ihnen ein etymologisches Wörterbuch. In deutschen Wörterbüchern erkennen Sie den Unterschied meist an der Zahl der Einträge: Alle Bedeutungen eines Polysems sind in einem einzigen Artikel zusammengefaßt, während jedes Homonym einen eigenen Eintrag hat.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.
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