Pussy Riot vertwittern – eine ungewohnte Erfahrung
Seit in Moskau die Hauptverhandlung gegen drei Mitglieder der russischen Punkgruppe Pussy Riot eröffnet wurde, kommentiere ich sie auf Twitter. Zunächst übersetzte ich nur die absurdesten Momente – die Aussagen der Zeugen der Anklage, die die Angeklagten als von Dämonen besessen beschrieben, die Hölle für realer als die Moskauer Metro hielten, sich über Gott, den Teufel und die Kirche ausließen, aber von dem Geschehen, das die drei jungen Frauen auf die Anklagebank gebracht hat, kaum etwas zu berichten wußten. Auch die Highlights im Verhalten der Richterin, die kaum eine Frage der Verteidiger zuließ und von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß Gericht und Anklage am selben Strang ziehen.
Zu meinem Erstaunen stießen diese Tweets auf Interesse (bei Rußland-Tweets beschränkt sich die Aufmerksamkeit üblicherweise auf einen kleinen Kreis multi-kulti-interessierter Übersetzerkollegen), und so begann ich ausführlicher zu berichten. Ich freue mich über diese Aufmerksamkeit für ein Verfahren, das sich im Verlauf der letzten Tage zunehmend zum Schauprozeß, der alle rechtsstaatlichen Hüllen fallen läßt, entwickelt hat.
Ich freue mich darüber zum einen, weil ich diesen Prozeß für richtungsweisend halte, belegt er doch, daß sich die Putin-Regierung nach ihrer Verunsicherung angesichts der Dezemberproteste ihrer Sache nun sicherer denn je ist und keine Notwendigkeit mehr sieht, den Wolf im Schafspelz zu verstecken. Ich freue mich darüber zum zweiten, weil der Prozeß zeigt, wie gefährlich die keineswegs nur in islamischen Ländern übliche Verquickung von Staat und Religion ist. Nicht nur meint man bei dieser Verhandlung streckenweise, Zeuge eines mittelalterlichen Hexenprozesses zu sein, in dem alttestamentarische Texte und frühchristliche Konzile schwerer wiegen als Gesetz und Verfassung, sondern die gesamte Strategie der Anklage läuft darauf hinaus, die politischen Motive der Angeklagten als bloße Augenwischerei abzutun, die die Aufmerksamkeit von ihrem eigentlichen Ziel ablenken soll: einem Angriff auf Gottes Heilige Kirche. Und ich freue mich über die Aufmerksamkeit zum dritten, weil eine ähnliche Tendenz, den Rechtsstaat für die Ausschaltung politisch unliebsamer Personen und Bewegungen zu mißbrauchen, in den vergangenen Jahren auch in den westlichen scheinrechtsstaatlichen Scheindemokratien, die sich so gern als über das unzivilisierte Rußland erhaben gebärden, zu beobachten ist.
Obwohl ich also allein des Prozesses wegen über den Prozeß twittere, ist diese Erfahrung auch für die Übersetzerin in mir sehr interessant. Denn ich bin eben das: eine Übersetzerin. Das heißt, ich bin daran gewöhnt, Zeit für die eingehende fachliche und terminologische Recherche, die Rücksprache mit den Autoren, das Feilen, Feilen und Nochmalfeilen am Text zu haben. Ganz anders sieht das jetzt auf Twitter aus.
Erstens ist die Juristerei nicht mein Fachgebiet; mit der Rechts- und Gerichtssprache, dem juristischen Procedere, der Prozeßordnung habe ich mich nie befaßt. Also muß ich versuchen, das Prozeßgeschehen recht und schlecht in gemeinsprachlichen Begriffen wiederzugeben, und kann mich dabei eigentlich nur auf meine Allgemeinbildung verlassen. Immer wissend, daß juristisch bewandertere Personen sicher in jedem Tweet einen Fehler finden.
Zweitens bin ich nicht im Gerichtssaal. Ich bin noch nicht einmal in Moskau, sondern sitze in meinem Lübecker Arbeitszimmer vor dem Computer. Die mittelalterliche Gesinnung des Gerichts hat zumindest einen Vorteil: Niemand ist auf die Idee gekommen, dem Publikum die Smartphones, Tablets und Netbooks wegzunehmen (jedenfalls bisher). Am Donnerstag versuchten die Wachleute zwar unter dem Vorwand, die Zeugen bekämen »Anweisungen aus dem Internet«, alles zu kontrollieren, was auf Mobilgeräten geschrieben wird, gaben dieses absurde Vorhaben aber schnell wieder auf.
Und so wird aus dem Gerichtssaal fleißig getwittert. Die #PussyRiot-Tweets flirren im Sekundentakt über den Bildschirm. Mehrere Zuschauer harren täglich zehn und mehr Stunden auf ihren Plätzen aus, gönnen sich nicht einmal eine Klopause, um nicht zu riskieren, daß sie nicht mehr in den Saal gelassen werden. Auch einer der Verteidiger veröffentlicht gelegentlich Tweets, wenn ihm etwas besonders wichtig erscheint oder sich etwas tut, was das Publikum nicht sehen oder hören kann. So etwa, als auf einem kleinen, noch nicht einmal für die Angeklagten einsehbaren Fernseher das Beweisvideo abgespielt wird, mit dem die Anklage unbeabsichtigt die Aussaugen ihrer eigenen Zeugen widerlegt.
Alle diese Tweets zu lesen, schnell zu beurteilen, wo sie einander bestätigen, widersprechen oder ergänzen, daraus ein Gesamtbild zu entwickeln und das dann zu übersetzen, das ist durchaus eine Herausforderung. Nebenbei hole ich mir Informationen aus den aktuellen Meldungen der unabhängigen Zeitungen und den Echtzeit-Reportagen von Zeitungen und Blogs, die das Geschehen ausführlicher zitieren und kommentieren können als die Blitz-Twitteraner im Gerichtssaal.
Hinzu kommt drittens der für mich Textarbeiterin ungewohnte Kontext eines laufenden Verfahrens mit Lesern, die das Geschehen nicht von Anfang an kontinuierlich verfolgt haben. Bezieht sich etwas auf frühere Verhandlungsphasen, kann ich nicht einfach »siehe oben« schreiben, sondern muß – oder möchte – diesen Bezug erklären. Auch den kulturellen Kontext kann ich nicht selbstverständlich als bekannt voraussetzen. Was wissen die Leser über die russisch-orthodoxe Kirche, ihre Andersartigkeit im Vergleich mit den westlichen Kirchen, ihre seit Jahrhunderten bestehende staatstragende Rolle? Den KGB/FSB kennt jeder aus Hollywoodfilmen, aber wissen die Leser, daß er (entgegen der Darstellung in diesen Filmen) der Inlandsgeheimdienst ist? Sagen ihnen die Namen der Zeugen, der Künstler etwas? Verstehen sie die Verweise auf aktuelle Ereignisse, Kunst und Kultur? Soweit Zeit bleibt, versuche ich Informationslinks einzufügen, was allerdings oft daran scheitert, daß die deutschsprachigen Informationsquellen über Rußland im Web ausgesprochen dünn gesät sind.
Und zuguterletzt: Ist es blasphemisch, wenn ich zugebe, daß mir die nicht alltägliche Aufgabe, die ich mir mit dem Vertwittern dieses brisanten Prozesses gestellt habe, Spaß macht?



Bisher 7 Meinung(en)
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Um die letzte Frage zu beantworten: Nein, ist es nicht. Nur zu verständlich.
Und ansonsten, wie schon mehrfach auf Twitter geäußert: danke für die kontinuierliche Berichterstattung zu diesem absurden, aber wichtigen Prozess.
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Da Dein Server bei Pingback einen "Internal Server Error" meldet, hier manuell: http://www.rorkvell.de/news/2012/Pussy_Riot_und_das_Mittelalter
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DAS kann nicht blasphemisch sein - so wie ich den Begriff verstehe. Super wäre, wenn im Artikel noch der Twitter-account verlinkt wäre. Ansonsten: Chapeau. Versuchen wir doch, dem lupenreinen Demokraten (wann endlich distanziert sich der Schröder, wenn er die totale Disqualifikation vermeiden will?) ein klein wenig auf die Fingerchen!
am
Blasphemie - http://de.wikipedia.org/wiki/Blasphemie Gotteslästerung. Welcher Gott genau soll hier durch genau was gelästert worden sein? Also mein Gott jedenfalls nicht. Aber vielleicht findet ja Jemand einen. Der kann mich allerdings...
Allenfalls wäre "Freude" resp. "Spaß" im Zusammenhang mit diesem Mist rein menschlich etwas zweifelhaft. Denn ein Spaß ist das leider nicht. Schön wär's ja, wenn wir morgen alle lachend nach Hause gehen und wissen, es war nur "versteckte Kamera". Das wäre ein Spaß. Ich befürchte jedoch, dass wir es hier eher mit (nicht ganz so gut) versteckter Dummheit zu tun haben.
am
Bezeichnend, wie hier mal wieder auf Russland herumgehackt wird. Wer es für diktatorisch und menschenverachtend hält, wenn der russische Staatsanwalt drei Jahre Haft für Pussy Riot fordert, der sollte sich darüber im klaren sein, dass auch in Deutschland das Strafgesetzbuch ein solches Strafmaß hergeben würde. Man muss dort nur mal den § 167 nachschlagen. Da steht: "Wer an einem Ort, der dem Gottesdienst einer im Inland bestehenden Kirche gewidmet ist, beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft." Anstatt sich in lauter Selbstgerechtigkeit über die Vorzeigedemokratie in Deutschland zu ergehen, sollten deutsche Blogger und Journalisten es sich zur Aufgabe machen, diese Parallelen aufzuzeigen und solche real existierende DEUTSCHE mittelalterliche Hexenprozessparagraphen anzuprangern. Aber nein, lieber drücken sie da die Augen ganz feste zu, denn es ist ja so viel angenehmer, über die schlimmen schlimmen Verhältnisse in Russland abzukotzen, anstatt mal vor der eigenen Haustür zu kehren.
am
Wie kommen Sie darauf, daß ich mich „in lauter Selbstgerechtigkeit über die Vorzeigedemokratie in Deutschland“ ergehe oder die Augen, Deutschland betreffend, fest schließe?
Bringen Sie Ihre Kritik bitte dort an, wo sie angebracht ist. Mit mir haben Sie sich damit von allen verfügbaren Zielen das falscheste ausgesucht.
am
@Sosed
Was in Russland innerhalb von einigen wenigen Monaten passiert (ist), ist ziemlich knapp und prägnant (auf Russisch) z.B. hier aufgelistet. Oder auch in englischer Übersetzung ("social translation", aber was soll's?). Was das ganze mit dem deutschen Strafgesetzbuch oder "lauter Selbstgerechtigkeit" zu tun hat, ist mir ebenso schleierhaft.