18. 02. 2010
Die deutsche Neuübersetzung von Lev Tolstojs/Лев Николаевич Толстой 1877 abgeschlossenem Roman Anna Karenina/Анна Каренина durch Rosemarie Tietze wurde in letzter Zeit in allen Medien besprochen. Zum Beispiel sprach die FAZ mit der Übersetzerin und der Deutschlandfunk rezensierte die Übersetzung. Sie verdient diese Aufmerksamkeit allemal. Nicht unbedingt ihrer Qualität wegen, über die ich nichts sagen kann, weil ich die Übersetzung noch nicht gelesen habe (obwohl das Werk einer Übersetzerin, die ausgerechnet in Tolstoj Humor ausmachen kann, mit Sicherheit des Lesens wert ist).
Bei der Übersetzung eines bereits vielfach übersetzten Klassikers liegt die Kunst und Leistung darin, tatsächlich eine neue Übersetzung zu schreiben. Eine, die nicht einfach nur modernere Wörter verwendet, sondern zu einem eigenen Verstehen der Sprache des Schriftstellers zu finden versucht. Allzu häufig sind sogenannte Neuübersetzungen nur sprachliche Modernisierungen, die dem Geist des Werkes nicht gerecht werden und bestenfalls als Heizmaterial taugen.
Erst kürzlich habe ich, ich weiß leider nicht mehr wo, von einer neuen englischen »Übersetzung« der Märchen aus 1001 Nacht gelesen, in der Wirtschaftsschwafeliges wie manager und skills neben heutigem Jugend- und Gossenslang steht. Derartiges ist ohne Zweifel keine Neuübersetzung, sondern eine billige Verballhornung. Ein Gegenbeispiel sind die Dostoevskij-Übersetzungen Svetlana Geiers, die mit den in älteren Übersetzungen festgeschriebenen moralisierenden Fehlinterpretationen aufgeräumt haben.
Rosemarie Tietze ist bereits früher mit Übersetzungen schwieriger russischer Autoren in Erscheinung getreten. So hat sie zum Beispiel Andrej Bitovs/Андрей Георгиевич Битов postmodernen Roman Puschkinhaus/Пушкинский дом ins Deutsche übertragen (Rezension). Nach allem, was man hört und liest, ist ihr auch der jüngste Schritt von der Postmoderne zurück zum Realismus gut gelungen: Sie hat sich in ihrer Wiedergabe der Anna Karenina weder von früheren Übersetzungen vereinnahmen noch dazu hinreißen lassen, Tolstojs Stimme mit ihrer eigenen zu verfälschen.
Sie haben eine eigene Erfahrung oder andere Meinung, eine Anregung oder Frage zu diesem Thema? Ich freue mich über alles, was uns voranbringt.
Gossensprache und -verhalten (Fäkaliensprache, Werbung, persönliche Angriffe usw.) behalten Sie im Interesse der Leser bitte für sich.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.