18. 02. 2010

Wortpreis oder Pauschalpreis?

Bei Agenturkunden stellt sich die Frage überhaupt nicht: Agenturen kalkulieren selbst mit Wort-, Zeilen- und Stundensätzen und brauchen vom Übersetzer Angaben in derselben Maßeinheit. Wie sieht es aber bei Direktkunden aus?

Unter Übersetzern wird viel über Honorare diskutiert: Ob ein Wort-, Zeilen- oder Stundensatz angemessen ist, warum immer mehr Agenturkunden zum Wortsatz wechseln, welcher Umrechnungsfaktor angesetzt werden muß, welche Kundentypen welche Honorarspanne akzeptieren und so weiter. Weil diese Fragen für unser wirtschaftliches Überleben wichtig sind, bestimmen sie die Art und Weise, wie wir über Honorare nachdenken. Dabei vergessen wir allerdings gelegentlich, daß diese für uns so grundlegenden Überlegungen unseren Auftraggebern ganz egal sind.

Für Angebote gilt im wesentlichen die gleiche Grundregel wie für jeden anderen Kundenkontakt mit Werbewirkung: Es spielt keine Rolle, welche internen Überlegungen der Übersetzer über sich und seine Arbeit anstellt. Für den Auftraggeber ist wichtig, was er davon hat. Er möchte wissen, welche Vorteile ihm die Zusammenarbeit mit einem bestimmten Übersetzer bringt und was er für diese Leistung bezahlen muß.

Stellen Sie sich vor, Sie wären der Auftraggeber. Für welches der beiden folgenden Angebote würden Sie sich entscheiden?

  1. »Ihr Projekt umfaßt 27 163 Wörter. Für jedes Wort bezahlen Sie 0,18 Euro. Für die Bearbeitung der 15 Bilder berechne ich Ihnen 2 Euro je Bild. Der Korrektor bekommt 55 Euro je Stunde und braucht ungefähr sieben Stunden. Die Layouterin kostet 65 Euro je Stunde und wird voraussichtlich zwei bis drei Stunden brauchen. Weil Sie das Projekt schnell abwickeln möchten, müssen wir ein Wochenende durcharbeiten, wofür ein Zuschlag von 25 Prozent anfällt. Vermutlich werden Sie hinterher einige Änderungswünsche haben, für deren Einarbeitung ich drei weitere Stunden zu meinem Satz von je 50 Euro veranschlage.«
  2. »Mein Honorar für die Übersetzung einschließlich Korrektorat und Layout beläuft sich auf 6961,68 Euro.«

Wenn der Auftraggeber wissen möchte, aus welchen Posten sich das Pauschalhonorar zusammensetzt, bekommt er selbstverständlich eine Aufstellung. Immerhin ist das Honorar kein aus der Luft gegriffener Phantasiebetrag, sondern beruht auf einer reellen Kalkulation.

Natürlich kommt es beim Pauschalhonorar (wie, nebenbei gesagt, bei jedem Honorartyp) vor, daß man sich verkalkuliert und die Übersetzung aufwendiger ist, als man zunächst angenommen hat. Dann hat man eben Pech gehabt. Dieses Minus wird erfahrungsgemäß aber durch die Projekte ausgeglichen, die sich schneller als erwartet abschließen lassen. Letztere eröffnen außerdem eine interessante Möglichkeit, die Kundenbindung zu stärken, indem man den Auftraggeber mit einem Honorarnachlaß erfreut.

Wie nennen Sie Ihren Auftraggebern Ihr Honorar?

Deckt sich Ihre Erfahrung mit meiner oder hatten Sie mit Wort-, Zeilen- oder Stundenpreisen mehr Glück?

 
 

6 Kommentare

  1. Martine
    19.02.2010, 13.31 Uhr

    Hallo Gabriele,

    und Kompliment zu Ihrem Blog.
    Ich arbeite ausschließlich für Agenturen und stelle seit etwa 4 Jahren immer wieder fest, dass Zeilenpreise, wie sie in meiner Sprachkombination (F/D) üblich waren, nicht mehr gewünscht oder angefragt werden. Pauschalpreise werden mittlerweile in neun von zehn Fällen verlangt. Nicht nur eine Werbepolitik der absoluten Transparenz spielt dabei eine Rolle. So können sich Agenturen unter anderem leisten, Mitarbeiter zu beschäftigen, die vom Übersetzungsgeschäft nicht die geringste Ahnung haben - und als solche weder in der Lage sind, einen Text und die Kosten vorab einszuschätzen, noch einen bestimmten Betrag gegenüber dem Kunden zu vertreten.

    In der Praxis empfinde ich diesen Trend des Festpreises für den einzelnen Übersetzer allerdings als durchaus positiv. Es erspart leidige Diskussionen mit der Agentur, die so dem Endkunden nicht erklären muss, warum die Zielsprache viel länger ausfällt als der Ausgangstext.
    Die Gefahr einer falschen Kalkulation spielt bei mir keine Rolle: Wer als Endkunde oder Agentur Wert auf Sicherheit legt und das Risiko einer kleinen Variablen im Endpreis nicht eingehen will, muss für diese "Versicherung" eben auch in irgendeiner Form zahlen (warum sollte immer der Übersetzer den Schwarzen Peter haben?), und ich runde Pauschalpreise immer sehr deutlich auf (bei dreistelligen Beträgen etwa 15% über die maximal denkbare Zeilenzahl, bei längeren Texten bis zu 20%). Es ist auch zugegebenermaßen ein Weg, die grundsätzlich geizigen Kunden fernzuhalten, denen mehr am Preis als an der Qualität der Übersetzung gelegen ist.
    Viele Grüße
    Martine


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  2. VolkmarH
    20.02.2010, 09.34 Uhr

    Gabriele also!

    Dann hallo, Gabriele!

    Agenturen sind im gleichen Boot wie wir - sie müssen dem potenziellen Auftraggeber schnell einen vertretbaren, belegbaren (und möglichst günstigen) Preis anbieten können. Damit sie dazu in der Lage sind, müssen sie wissen, was ich von ihnen verlangen werde, ohne dass wir eine umfangreiche Diskussion führen. Denn nur dann haben sie eine wirklich praxisnahe Kalkulationsbasis, mit der sie *schnell* reagieren können.

    Also stehe ich bei allen Agenturen mit drei (vier) Sätzen in der Datenbank:
    * Übersetzungen: Preis pro Wort Quelltext. Für nicht editierbare Dateien (pdf, Grafiken, Papierdokumente usw.)berechne ich 1 Eurocent/Wort extra)
    * Lektorat: Preis pro Wort Quelltext
    * Stundensatz: für alle anderen Arbeiten

    Keine Eil-, Wochenend- oder sonstigen Zuschläge!

    Damit weiß die Agentur immer, was ich sie kosten werde, und kann dem Kunden in den meisten Fällen ein Fixangebot abgeben. Agenturen lieben diese Klarheit ebenso wie die Endkunden.

    Nun fallen einige vom Stuhl: Wie kann man Lektorat nur nach Quellwörtern verrechnen?

    Natürlich gibt es Fälle, in denen der Zeitaufwand wesentlich höher ist als der von mir kalkulatorisch angesetzte. Es geht aber gelegentlich auch in die umgekehrte Richtung. So gleicht sich auf lange Sicht gesehen alles mehr oder weniger aus; in den letzten Jahren bin ich so ziemlich genau auf mein kalkulatorisches Wunschergebnis gekommen, was das Verhältnis Aufwand/Ertrag betrifft. Mehr will ich eigentlich nicht.

    (Doch - natürlich will ich mehr!)


    (Kommentar-Link)
  3. Dirk
    22.02.2010, 17.47 Uhr

    Wichtig ist es dem direkten Kunden, dass er selbst den Überblick behält, also sollte die Berechnungsgrundlage der Ausgangstext, nicht der Zieltext sein; ob Wort-, Zeilen-, Seitenpreis ist dann ganz egal, Hauptsache er kann mitrechnen, daher gebe ich immer mit an, wie der Preis zustande kommt, natürlich ohne dabei ins Detail zu gehen: "Die Übersetzung der uns gesendeten Datei abc.doc (1.200 Normzeilen a 55 Zeichen),inkl. blablabla, können wir Ihnen für ...


    (Kommentar-Link)
  4. uebersetzer
    25.02.2010, 09.49 Uhr

    Martine, Ihre Beobachtung ist interessant. Von Agenturen wurde ich bei normalen Übersetzungen noch nie um ein Pauschalhonorar gebeten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das für sinnvoll halte.

    Wie Volkmar bin ich der Meinung, daß der Wortsatz die Abläufe im Agenturgeschäft erleichtert. Ich habe ein paar Agenturkunden, von denen ich fast täglich Aufträge bekomme, manchmal mehrere an einem Tag. Durch den festen Wortsatz wissen die Agentur und ihre Stammkunden von vornherein, was die Übersetzung kosten wird, ohne mich erst fragen zu müssen. Das erspart uns allen viel Zeit und Bürokratie.

    Volkmar, der Wortsatz fürs Lektorat überrascht mich nicht grundsätzlich. Ich habe auch mit einigen Kunden einen vereinbart. Das sind Agenturen, für die ich seit Jahren in demselben Übersetzer-Lektor-Gespann arbeite, so daß ich recht gut einschätzen kann, was bei Lektoratsaufträgen auf mich zukommt. Bei Neukunden wäre ich damit allerdings sehr vorsichtig, weil die Gefahr, daß der Lektor für viel Arbeit, Zeit und Nerven wenig Geld bekommt, nicht gerade klein ist. Ich zahle nicht gern drauf.

    Dirk, dieser Mittelweg scheint mir Direktkunden gegenüber am sinnvollsten zu sein: ein Pauschalpreis, der für den Auftraggeber aber trotzdem durchschaubar ist.


    (Kommentar-Link)
  5. Margit Sies
    05.03.2010, 09.07 Uhr

    Hallo Frau Zöttl,

    seit einiger Zeit lese ich nun schon gelegentlich hier mit und kann nur gratulieren zu Ihren gelungenen Beiträgen - und auch zu diesem hier, den ich in allem sofort unterschreibe.

    Ich muss vorweg sagen, dass ich selbst seit Jahren fast nur für Endkunden arbeite; das hat sich einfach so ergeben, weil ich überwiegend beglaubigte Übersetzungen anbiete und deshalb vermutlich aufgrund des höheren Aufwands für Agenturen weniger attraktiv bin :-) Was soll ich sagen: Ich hatte vor Jahren schon den Eindruck, dass die meisten Kunden zum einen überfordert sind mit Aussagen wie " ... Cent pro Wort, ... Euro pro 55 Zeichen oder Anschläge. Und schlicht wissen möchten, was am Ende von ihrem Konto abgeht. Deshalb biete ich fast ausschließlich Festbeträge auf Basis des voraussichtlichen Aufwands an. Und in der Regel sind alle Beteiligten glücklich damit, haben Kalkulationssicherheit und ich weniger Aufwand :-) )

    Frohes Schaffen noch!


    (Kommentar-Link)
  6. uebersetzer
    10.03.2010, 15.29 Uhr

    Ich kann diese Einstellung der Auftraggeber auch gut nachvollziehen. Egal, um welches »Produkt« geht, ist es doch sehr lästig und aufwendig, mit verschiedenen Variablen berechnete Angebote vergleichen zu müssen.


    (Kommentar-Link)
 
 

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