10. 03. 2010
Wenn die Korrektorin Sätze nach dem Muster »ich spreche kein Deutsch« oder »ich mag kein Blau« liest, zückt sie sofort den Rotstift. Warum? Warum ist »ich lese gerade kein Buch« richtig, aber »ich verstehe überhaupt kein Schwedisch« falsch?
Kein ist ein sogenannter Quantifikativ-Artikel. Ein solcher Artikel wählt die Menge der Gegenstände, die das zugehörige Substantiv nennt, ganz oder teilweise aus. Andere Beispiele sind manche, etliche, jedwede, sämtliche, lauter und irgendein. Sehen Sie den gemeinsamen Nenner dieser Wörter? Sie beziehen sich immer auf eine Menge mehrerer Gegenstände. Irgendein Buch wählt aus allen je geschriebenen Büchern ein beliebiges aus. Jedwede Art erfaßt alle existierenden Arten. Etliche Bäume greift aus allen Bäumen eine unbestimmte Anzahl heraus. Und kein Weg lehnt alle vorhandenen Wege ab.
Als Negationswort verneint der Quantifikativ-Artikel kein die gesamte Menge der Gegenstände, die das Substantiv bezeichnet. Ein paar Beispiele:
Der Satz »ich verstehe kein Deutsch« bedeutet also: Es gibt viele deutsche Sprachen, von denen ich nicht eine verstehe.
Wenn das tatsächlich gemeint ist, soll es mir recht sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß der Sprecher zum Ausdruck bringen möchte, daß er die deutsche Sprache nicht versteht. Und da haben wir sie schon, die passende Negationspartikel nicht: Ich spreche Schwedisch – ich spreche nicht Schwedisch. Ich mag Blau – ich mag Blau nicht.
„Kein“ hat darüber hinaus noch weitere Funktionen. Es dient auch zur Negation von Nomen im Singular ohne Artikel, wie z.B. „Deutsch“. Demzufolge ist ein Satz wie „Ich spreche kein Schwedisch“ durchaus korrekt, ebenso wie „Ich habe keine Angst“.
Hallo Gabriele,
danke dafür, dass Sie mir das Gefühl geben, dass auch andere mit mir gegen den Strom schwimmen und eine gepflegte Sprache nicht als überflüssig betrachten. Harkis Kommentar ist leider kennzeichnend ... Ich erlebe immer wieder (nicht zuletzt im täglichen Gespräch mit Interessenten), wie Textqualität als Snobismus abgetan wird. Traurig. Aber Artikel wie Ihre sind zumindest ein Trost.
Viele Grüße
Ein Vorteil dieser Art von Blogsystem ist es, daß man Kommentare wie den von "Harki" löschen kann und vielleicht auch sollte.
Ich lese Ihren Blog regelmäßig und mit viel Vergnügen - erlauben Sie mir deswegen noch einen Gedanken dazu, auch, wenn es natürlich Ihre eigene Entscheidung ist und bleiben soll.
Meiner Erfahrung nach schadet sich, wie Sie bemerkten, die Person durchaus selbst, da alle Leser, die ein bißchen was vom Thema oder auch nur vom zwischenmenschlichem Umgang wissen, den Kommentar als belanglos abtun werden. Das Problem an schlechter Publicity ist jedoch, daß immer etwas hängen bleibt - und sei es dann bei dem Leser oder auch potentiellen Kunden, der sich selbst nicht sicher war, wie wichtig denn nun der ganz korrekte deutsche Ausdruck wirklich ist. Der liest dann möglicherweise nur den ersten Kommentar und fühlt sich bestätigt.
So wichtig freie Meinungsäußerung im allgemeinen auch ist - das hier ist immer noch Ihr Blog, dessen Inhalte sie ganz frei entscheiden können. "Harki" hat eigene Möglichkeiten, sich der Öffentlichkeit im Internet kundzutun; Sie müssen Ihm eigentlich kein zusätzliches Forum dafür bieten.
(Meinen Kommentar müssen Sie nicht veröffentlichen; ich habe nur diese bequeme Methode der Kontaktaufnahme gewählt.)
Hallo Gabriele, hallo Nora,
ich bin nicht der Meinung, dass es sinnvoll ist oder wäre, Harkis Kommentar (oder ähnliche Kommentare anderer) einfach zu löschen. Sie zeigen im Gegenteil, wie sinnvoll, berechtigt und aktuell Diskussionen zum Thema "Sprachniveau" überhaupt sind.
Viele Grüße
Interessanter Artikel! Ich als Niederländerin ertappe mich manchmal dabei, dass ich (auch nach dreizehn Jahren in Deutschland) sage, dass etwas "kein Weh" tut...
Ich weiß zwar, dass das grammatikalisch nicht richtig ist, aber eben über solche Feinheiten stolpere ich im Sprachalltag mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Im Niederländischen kann man nämlich bedenkenlos "geen pijn" (also wortwörtlich "kein Weh") sagen.
Hoppala.
»Ich verstehe kein Deutsch« impliziert, dass es verschiedene deutsche Sprachen gibt. Dies trifft jedoch nicht zu, deshalb ist »kein« falsch.
Doch jetzt kommt der Hammer. Was lese ich bei den »Häufigen Übersetzungsfehlern«?
Eine Alternative ist eine von zwei Möglichkeiten: die eine oder die andere. Das heißt, das Wort hat keinen Plural.(siehe Stichwort »alternatives (Plural)«).
Analog zum obigen Beispiel gilt: Das impliziert, dass es mehrere Plurale von Alternative gibt oder zur Diskussion stehen, von denen aber keiner korrekt ist. Das ist aber falsch. Wenn, dann hat es nur einen Plural, nämlich »Alternativen«. Dieser Plural ist aber nicht korrekt; die Aussage muss also lauten: »das Wort hat nicht einen Plural«.
Das Dumme ist nur, dass »das Wort hat keinen Plural« idiomatischer ist. Sie haben es automatisch besser geschrieben, also gegen Ihre eigenen Regeln.
Als Sprachprofi wissen Sie natürlich, dass Sprachregeln nicht absolut gelten. Ersetzen Sie in Ihrem Artikel »immer« durch »meistens« und schreiben Sie die Schlussfolgerung neu, dann stimmt er.
PS: Der Duden kennt Alternativen
Ich fände es prima, wenn Sie sich mal zu der Anmerkung von Nico äußern könnten.
"Ich spreche kein Deutsch" klingt für mich sehr viel natürlicher, idiomatischer und flüssiger als "Ich spreche nicht Deutsch".
Für mich klingt "ich spreche nicht Deutsch" hochgestochen und schwülstig.
Außerdem hänge ich in Gedanken sofort ein "sondern Finnisch" an, weil ich bei "nicht Deutsch" einen sondern-Vergleich mit einer anderen Sprache erwarte.
Ich sehe "Deutsch" hier nicht als substantiviertes Adjektiv an, sondern als eigenständies Nomen, als Sprache, "das Deutsch, die deutsche Sprache".
Mag natürlich sein, dass ich da dialektal gefärbt bin, was wir ja tatsächlich alle sind. Aber einfach jede dialektale Färbung als falsch abzutun, halte ich für gewagt.
Kurz gesagt: Ihre Meinung ist mir zu präskriptiv.
Jetzt habe ich doch glatt was vergessen:
Sie vertreten auf Ihrer Website und Ihrem Blog sehr vehement und unnachgiebig teilweise sehr starre Positionen, was die deutsche Sprache angeht ... und verwenden dabei durchgehend die alte Rechtschreibung. Hätte ich einen Übersetzungsauftrag zu vergeben, würde mich das stutzig machen ...
Treffer in der Duden-Suche
Deutsch, das; -[s]: a) die deutsche Sprache [eines Einzelnen od. einer Gruppe]; die näher ...
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Zur neuen Rechtschreibung: Stimmt, ich kannte bisher nur Ihren Blog, nicht Ihre eigentliche Seite. Dort verwenden Sie tatsächlich die neue Rechtschreibung. Entschuldigung also dafür.
Das mit dem Anwalt halte ich allerdings dennoch erstens für übertrieben, zweitens für haltlos und drittens für unrealistisch.
Als Übersetzerin haben Sie sicher ein dickes Fell, was Kritik angeht - wer kennt das nicht, dass ahnungslose Kunden eine Übersetzung "korrigieren" ...
Lassen Sie sich also von irgendwelchen Forumsbeiträgen nicht ärgern.
Mir ging es hier tatsächlich nur um die Sache, um die Frage "kein Deutsch" oder "nicht Deutsch". Ich bleibe bei meiner Meinung, Sie bei der Ihren, und alle sind glücklich.
Nichts für ungut,
Jan
Und jetzt habe ich schon wieder etwas vergessen, bitte verzeihen Sie mir die vielen Einträge in den Kommentaren, die durch meine Schusseligkeit entstehen.
Sie eröffnen auf Ihrer Website mit dem auf Englisch so wunderbaren "lightning bug/lightning"-Zitat von Mark Twain. Leider funktioniert das Zitat in der deutschen Übersetzung nicht so recht, weil der Unterschied zwischen "Glühwürmchen" und "Blitz" doch etwas größer ist als zwischen "lightning" und "lightning bug".
Falls Ihnen jemals eine bessere Übersetzung dazu einfällt, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich überlege seit Jahren immer mal wieder, bisher fehlt aber der zündende Gedanke.
Als Schweizerin, die schon seit 40 Jahren in England lebt, und viel von ihrer Muttersprache verloren hat, überlege mir nun folgendes:wenn ich sage, dass ich fast kein Deutsch mehr spreche, meine ich damit, dass ich grosse Teile meiner Muttersprache vergessen habe. Und jemand, der kein Deutsch versteht, meint damit, dass er wirklich kein Wort der deutschen Sprache versteht. Einer, der viel Deutsch versteht, versteht viele Wörter/Sätze. Ich spreche ein wenig Italienisch: damit meine ich, dass ich immerhin einige Wörter/Sätze in dieser Sprache verstehen und aussprechen kann. Ich verwende also "kein" auf gleiche Weise wie "wenig" - quantitativ. (I apologise - I am very uncertain about this - I am just thinking aloud. Grammar used to be my sport, hence my interest!)
Sie haben eine eigene Erfahrung oder andere Meinung, eine Anregung oder Frage zu diesem Thema? Ich freue mich über alles, was uns voranbringt.
Gossensprache und -verhalten (Fäkaliensprache, Werbung, persönliche Angriffe usw.) behalten Sie im Interesse der Leser bitte für sich.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.