15. 05. 2007

Was kostet eine Übersetzung?

Ich stelle immer wieder fest, daß viele Menschen, die sich für Übersetzungen interessieren, recht hilflos sind, wenn es um die Preise geht. Welches Honorar wird der Arbeit des Übersetzers gerecht? Wann zahle ich drauf? Wann zahlt der Übersetzer drauf? Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, ist die Sache relativ einfach: Wie jeder Berufstätige muß der Übersetzer mit seinem Gehalt seine Kosten decken und einen Gewinn erwirtschaften, von dem er Lebensunterhalt und Zukunftssicherung bestreiten kann. Wie bei jedem Selbständigen kommt dazu noch der durch die selbständige Tätigkeit verursachte Aufwand.

Ich möchte hier einmal eine allgemeine Rechnung aufstellen, einen Leitfaden für die Berechnung eines Übersetzerhonorars. Natürlich kann so ein Leitfaden nur eine Faustregel sein, zu der es sicher auch verschiedene Meinungen gibt. Vielleicht bringt er aber dennoch ein wenig Licht ins Dunkel.

Tabelle: Berechnungsgrundlage
Welches Nettomonatseinkommen halten Sie für angemessen? Es sollte Lebensunterhalt, Ausbildung der Kinder, Urlaub (keine Luxusferien, sondern den Gegenwert des bezahlten Urlaubs Festangestellter) usw. abdecken. Von diesem Grundeinkommen gehen Sie nun aus:
+ private Krankenversicherung
+ gesamte Altersvorsorge
+ sonstige Notfallvorsorge
+ Bürokosten (Miete, Telefon, Internet usw.)
+ laufende Kosten für moderne technische Ausstattung (PC, Notebook, externe Sicherung, Netzwerk, Bildschirme, Drucker, Scanner, Kopierer, Büro-, Übersetzungs- und Geschäftssoftware aller Art usw.)
+ Steuern
+ Rücklagen
+ angemessener Gewinn (Ein Übersetzer ist keine Wohlfahrtseinrichtung.)
= Nun haben Sie in etwa die Summe, die der Übersetzer monatlich zum Überleben braucht.
: Diese teilen Sie nun durch 16: die durschnittliche Anzahl der Arbeitstage im Monat (21) abzüglich 5 Verwaltungstagen (für Kundenakquise und -pflege, Buchhaltung, Weiterbildung usw.)
: Entweder teilen Sie das Ergebnis durch 8: die tägliche Arbeitszeit in Stunden
= Honorar je Stunde
: Oder Sie teilen das Ergebnis durch 2000: das durchschnittliche tägliche Arbeitsvolumen in Wörtern
= Honorar je Wort

Damit haben Sie eine Grundlage für ein angemessenes Übersetzerhonorar, die von Ihrer Vorstellung von einem angemessenen Monatseinkommen ausgeht. Wenn Ihnen ein Übersetzer ein Angebot macht, das erheblich unter diesem Preis liegt, wissen Sie nun, daß er nicht kostendeckend arbeitet – und fragen sich am besten, ob er seine Energie wirklich in die Übersetzung investiert oder in die Nebenjobs, die er braucht, um sich über Wasser zu halten.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe weiterer Einflußfaktoren, die Sie bei Ihrer Preisberechnung berücksichtigen sollten: Um welche Sprachen geht es? Welche Qualität erwarten Sie? Wie schnell soll Ihr Auftrag erledigt sein? Soll Ihr Übersetzer bei Bedarf auch Überstunden oder Wochenendarbeit einlegen? Welche Rolle spielt der Übersetzer für Sie (beliebig austauschbarer Handlanger oder ernstzunehmender Partner)? In welchem Format legen Sie den Text vor? Wie schwierig ist der Text? Soll der Übersetzer auch einen Korrektor stellen? Und so weiter. Sie können sich darauf verlassen, daß ein erfahrener Übersetzer alle diese Überlegungen ebenfalls anstellt und sein Angebot entsprechend anpaßt.

 
 

5 Kommentare

  1. Torsten
    01.09.2007, 00.03 Uhr

    Also ich komme beim besten Willen und aus reiner Not kaum unter 3000 Wörter am Tag - 2000 Wörter im Schnitt kann man sich nur mit einem großen Anteil Endkunden (oder sehr gut zahlender Agenturen, jaja, auch die gibt es) leisten.


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  2. uebersetzer
    01.09.2007, 11.11 Uhr

    Die 2000 Wörter sind natürlich nur ein Richtwert, der jedoch durch zahlreiche Diskussionen unter Kollegen zu diesem Thema untermauert wird. Die meisten Übersetzer geben 2000 Wörter als das Volumen an, das sie pro Tag sorgfältig recherchieren, übersetzen und korrigieren können, ohne sich selbst auszubrennen.
    Natürlich gibt es dabei Abweichungen je nach Auftragslage, Textart und Thema. Ich hatte schon Tage, an denen ich mit Müh und Not auf 1000 Wörter gekommen bin, und mein Spitzenvolumen waren rund 8000 Wörter an einem Tag für einen Eilauftrag. Bei der Übersetzung von Computerfachbüchern sind 15 bis 20 Seiten pro Tag völlig normal, während das Tagesvolumen zum Beispiel bei der Übersetzung von Firmenbroschüren eher bei zwei bis vier Seiten liegt.
    Einmal – eine schreckliche Erinnerung – habe ich einen Auftrag vergessen und mußte in letzter Minute vor dem Frühstück schnell 1000 Wörter übersetzen, um den Abgabetermin um 8.00 Uhr zu schaffen. Ging auch, zur Regel möchte ich es allerdings nicht machen.


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  3. uebersetzer
    01.09.2007, 11.41 Uhr

    Und gleich noch ein Kommentar von mir:
    Nicht unwichtig bei der Festlegung eines normalen Tagesvolumens ist auch, daß wir einen Richtwert brauchen, ab dem wir unseren Kunden sagen: Das geht über das normale Maß hinaus. Wenn Du willst, daß ich an einem Tag mehr schaffe, mußt Du Dir darüber im klaren sein, daß das Überstunden sind, für die wie überall im Leben Zusatzkosten anfallen.

    Kundenerziehung also. Zum einen wissen viele Kunden ganz einfach nicht, was ein Übersetzer pro Tag schaffen kann und was nicht. Woher auch, das ist schließlich nicht ihr Fachgebiet. Dann muß man es ihnen sagen. Aufklärungsarbeit leisten.

    Und zum anderen probieren sie es eben einfach. Diese Egozentrik (ich will alles so, wie ich es will) gehört leider zum Geschäftsleben. Uns Übersetzern fehlt dann oft das Selbstbewußtsein, bestimmt aufzutreten und Nein zu sagen. Wie bei vielen Kleinbetrieben und Freiberuflern hat sich bei uns das Gefühl festgesetzt, am kürzeren Hebel zu sitzen, tun zu müssen, was man uns sagt, und das zu miserablen Preisen. Unter solchen Voraussetzungen kann man aber nicht sinnvoll arbeiten. Also müssen wir unseren Kunden Grenzen setzen, auch das gehört zum Geschäftsleben. Schließich brauchen sie uns genauso, wie wir sie brauchen.


    (Kommentar-Link)
  4. Juergen
    02.05.2009, 22.03 Uhr

    Aber was kostet es den ca. für einen Endkunden? Überlege nämlich immer noch, meine Website ins Englische zu übesetzen...


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  5. uebersetzer
    06.05.2009, 23.11 Uhr

    Über das aktuelle Durchschnittshonorar für Übersetzungen ins Englische bin ich nicht auf dem Laufenden. Das ist nicht meine Sprachrichtung. Die gesamte Preisspanne dürfte ungefähr von 5 bis 25 Euro-Cent je Wort reichen. Genauer kann ich es Ihnen nicht sagen, weil es sehr von Ihren Wünschen und Erwartungen abhängt, welcher Übersetzer für Sie der richtige ist.


    (Kommentar-Link)

1 Erwähnung in anderer Leute Werken

 
 

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