01. 09. 2007

Leo Rosten: Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie

Umschlagbild von »Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie«

Leo Rosten, Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie.
dtv 2006.
ISBN: 3423209380.
Broschiert, 638 Seiten.
Übersetzer: Lutz-W. Wolff.

Der Autor

Leo Rosten lebte von 1908 bis 1997. Er wurde in Lodz geboren und wuchs in einem Arbeiterviertel Chicagos auf. Er schrieb mehrere Romane, die vor allem ihres Humors wegen beliebt waren. Am bekanntesten ist jedoch Joys of Yiddish, das 17 Auflagen und Neuausgaben erlebte und heute als Standardwerk zum Jüdischen gilt.

Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie

Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, hat mich vor allem durch die übersetzerische Leistung beeindruckt. Zunächst aber kurz zum Inhalt. Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie ist kein Wörterbuch des Jüdischen. Es zeigt in Form eines Lexikons, welchen Einfluß das Jüdische – und damit die in dieser Sprache zum Ausdruck gebrachte Kultur – auf das Amerikanische hatte. Jeder Artikel stellt ein Wort vor, wobei Rosten zwei Kategorien unterscheidet: Jinglische Wörter, die sowohl in der englischen als auch in der amerikanischen Umgangssprache verwendet werden, und ameridische Wörter, die von amerikanischen Juden geprägt wurden und nur im Amerikanischen vorhanden sind. Dabei geht er jeweils ausführlich auf den kulturellen Hintergrund des Wortes und seine Verwendung im Jüdischen ein.

Die Übersetzung

Leo Rosten beschrieb naturgemäß das Jüdische, wie es in den USA gesprochen und erlebt wird. In Deutschland hat diese Sprache jedoch eine ganz andere Stellung. Das Jüdische ist der engste Verwandte des Deutschen, beide sind in ihrer Entwicklungsgeschichte eng miteinander verwoben. Das Jüdische ist eine der Hauptquellen mehrerer deutscher Dialekte, Tag für Tag verwenden wir Wörter, die aus dem Jüdischen stammen, häufig ohne uns dieses Ursprungs bewußt zu sein. Und gerade wegen dieser engen Verwandtschaft machen wir einen Unterschied, der im Amerikanischen ganz entfällt. Wir unterscheiden zwischen dem Westjüdischen, das jeder Deutsche intuitiv versteht, und dem Ostjüdischen, das wir wie etwa das Niederländische erlernen müssen: Es enthält viel Bekanntes, aber auch viel Fremdes.

Nur ein ganz einfaches Beispiel dafür, daß sich die amerikanische Wahrnehmung des Jüdischen häufig nicht mit der deutschen in Einklang bringen läßt. Jeder Amerikaner kennt das Gebäck Bagel, das den meisten Deutschen unbekannt sein dürfte. Hingegen weiß jeder Süddeutsche, was ein Beigerl ist, das aber wiederum mit einem Bagel nichts gemein hat. Einerseits gilt also, daß sich die Wörter im Amerikanischen häufig so weiterentwickelt haben, daß deutsche Leser mit dem Ergebnis nicht mehr viel anfangen können. Und andererseits werden Wörter im Amerikanischen als fremdstämmig wahrgenommen, die für Deutsche nichts Fremdes an sich haben. Dabei handelt es sich zum Teil um Wörter, die wir verwenden, ohne uns ihres jüdischen Ursprungs bewußt zu sein, zum Teil aber auch um Wörter, die eigentlich aus dem Deutschen stammen, aber erst über das Jüdische ins Amerikanische gelangt sind. So hätte zum Beispiel der schnaps, der aus dem Niederdeutschen stammt, in einer deutschen Enzyklopädie des Jüdischen nichts zu suchen, während er in keiner amerikanischen Jüdisch-Enzyklopädie fehlt.

Lutz-W. Wolff mußte bei der Übersetzung von Joys of Yiddish also einen Spagat machen. Einerseits mußte er das Werk übersetzen, ohne es zu verfremden, andererseits aber auch die gänzlich andere Beziehung deutscher Leser zum Jüdischen berücksichtigen. Er selbst sagt dazu im Vorwort:

Zumindest ansatzweise musste der Versuch gemacht werden, einen Bogen von den mittelalterlichen Städten des Rheinlands über das osteuropäische Schtetl und New York bis nach Hollywood und ins Silicon Valley zu spannen, um das Abenteuer dieser Sprache erkennbar werden zu lassen.

Um diesen Spagat hinzubekommen, ergänzte Wolff die Artikel um mehr oder weniger ausführliche Kommentare zum Vorhandensein oder zur Verwendung der Wörter im Deutschen und nahm einige Wörter in die Enzyklopädie auf, die so im Original nicht vorkommen. Ein Beispiel ist das jüdische Substantiv schíker (Säufer), das im Amerikanischen als shiker (Trunkenbold, betrunken) vorhanden ist. Dieses Wort kennen wir im Deutschen nicht, dafür haben wir aber das Adjektiv beschickert (angesäuselt).

Eine weitere grundlegende Bearbeitung, die der Übersetzer vornehmen mußte, beruht darauf, daß jüdische Wörter im Deutschen völlig anders geschrieben werden als im Amerikanischen. Ich kann mir etwa denken, was für einen gewaltigen Arbeitsaufwand das bedeutete …

Noch einen Punkt sollte man bei der Lektüre dieser Enzyklopädie im Hinterkopf behalten. Mittlerweile hat die Wissenschaft diese lange Zeit stiefmütterlich behandelte Sprache endlich (wieder-) entdeckt. Auch wenn vieles (nicht zuletzt ihr Ursprung) noch weit weniger erforscht ist als bei anderen Sprachen, gibt es heute eine Fülle von Werken, die sich mit dem Jüdischen befassen. Rosten schrieb seine Enzyklopädie zu einer Zeit, als sich kaum jemand (am wenigsten vielleicht die Juden selbst) für dieses Thema interessierte und praktisch keinerlei Untersuchungen zum Jüdischen vorlagen. Er leistete also Pionierarbeit, wodurch gelegentliche Ungenauigkeiten sowohl unvermeidlich als auch verzeihlich sind.

 
 
 
 

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