27. 09. 2007

Heinz Dieter Pohl: Die österreichische Küchensprache

Umschlagbild von Die österreichische Küchensprache

Heinz Dieter Pohl, Die österreichische Küchensprache.
Praesens 2007. Studia Interdisciplinaria Ænipontana, hg. v. Peter Anreiter, Bd. 11.
ISBN: 3706904527.
Kartoniert, 199 Seiten.

Der Autor

Heinz Dieter Pohl, Jahrgang 1942, ist Professor für allgemeine und diachrone Sprachwissenschaft an der Universität Klagenfurt. Seine Forschungsgebiete ergeben sich aus diesem Wohnort1: Dialektologie, Onomastik, generell die (sprach-) wissenschaftliche Betrachtung von Volkstumsfragen. Er veröffentlichte unter anderem Werke zur Kärntner Mundart, deutschen und slowenischen Namen in Kärnten, zur Küchensprache und zum österreichischen Deutsch.

Das Buch

[…] im Küchendunst verflüchtigt sich das, was wir in der Linguistik als »Standard« bezeichnen!

In der Einleitung beschreibt Pohl zunächst die sprachlichen Grundlagen der österreichischen Sprache: das Bairische (im Osten) und das Alemannische (im Westen) als Wurzeln, aus denen sich durch die Verflechtung germanischer, slawischer, romanischer und finno-ugrischer Sprachgebiete in der österreichisch-ungarischen Monarchie das österreichische Deutsch entwickelt hat, das vor allem im Wortschatz von seinen Quellsprachen abweicht. Er geht kurz auf die Besonderheiten der Küchensprache des alemannischen Vorarlberg sowie die slawischen, italienischen und ungarischen Begriffe ein. Natürlich darf in der Einleitung auch ein Unterkapitel zur EU nicht fehlen, wurde beim EU-Beitritt doch eine Liste von Austriazismen ausgehandelt, die gleichberechtigt neben den entsprechenden standarddeutschen Begriffen stehen.2 In diesem Zusammenhang differenziert Pohl auch die verschiedenen Arten von Austriazismen.

Den Hauptteil der Österreichischen Küchensprache macht das Lexikon aus, das die für die österreichische Küchensprache typischen Begriffe aufführt. Dabei strebt Pohl bei der sogenannten »Wiener Küche« (die normalerweise gemeint ist, wenn von österreichischer Küche die Rede ist) nach Vollständigkeit, während er beim regionalen Küchenvokabular eine repräsentative Auswahl trifft. Vollständigkeit bedeutet natürlich, daß in die Wörterliste nicht nur spezifisch österreichische Begriffe Eingang fanden, sondern auch viele, die im Standarddeutschen genauso verwendet werden, etwa Bratwurst oder pochieren. Das Lexikon umfaßt nicht nur Lebensmittel und Gerichte, sondern auch Verben wie etwa krendeln, stoppeln und rebeln. Die Stichwörter werden je nach Bedarf durch Informationen zu Synonymen, zur Verbreitung, Etymologie und dialektologischen Einordnung sowie Literaturverweise erläutert. Bei manchen Stichwörtern beschränkt sich Pohl auf die Nennung des standarddeutschen Synonyms, so etwa beim Dämpffleisch, das mit dem Synonym Schmorbraten hinlänglich erklärt ist. Andere Einträge nehmen mehrere Seiten ein, zum Beispiel das Gulasch, dessen Herkunft, Verwendung und Varianten ausführlich erläutert werden.

An den Hauptteil schließen sich einige Übersichtstabellen mit Abbildungen an: die Bezeichnungen des Fleisches und dessen Teilung, Fische und Pilze. Den Abschluß bildet eine Tabelle binnendeutscher Bezeichnungen von Lebensmitteln und Speisen, die sich eindeutig und einfach ins Österreichische übersetzen lassen (zum Beispiel Beilage = Zuspeise).

Meine Meinung

Die österreichische Küchensprache geht die Küchensprache aus sprachwissenschaftlicher Sicht an. Dadurch liefert sie jedem Sprachinteressierten Hintergrundinformationen, die so nirgendwo sonst in dieser systematischen Weise zu finden sind. Ebenso interessant ist dieses Lexikon sicher für jeden, dem österreichische Speisekarten ein Buch mit sieben Siegeln sind. Und nicht zuletzt ist es ein durchaus sinnliches Lesevergnügen, weckt es doch die Erinnerung an Kaffeehäuser, Skihütten und Lokale mit einer Geräuschkulisse aus österreichischer Sprachmusik. Zu kritisieren habe ich an diesem Lexikon nur einen Punkt: ein Teil der angeführten binnendeutschen Wörter ist nicht deutsch, sondern ostdeutsch bzw. berlinerisch; etwa der Broiler (Brathähnchen) oder der Pfannkuchen (Krapfen). Insgesamt bekommt Heinz Dieter Pohls Werk von mir trotzdem die Note 1 für die Systematik, den Informationsgehalt und den Lesegenuß.

1 Für Nicht-Österreichkundige: Klagenfurt liegt im Bundesland Kärnten, das an Slowenien und die italienischen Regionen Friaul und Venetien angrenzt. Seine anerkannte slowenische Minderheit (sozusagen die Ureinwohner dieses Gebietes) dient Haider und Konsorten immer wieder als Zündstoff für ihre rechte Propaganda.

2 Ich kann mich eines gewissen Neides nicht enthalten, ist doch auch so mancher für die EU normierter »standarddeutscher« Lebensmittelterminus für mich nichts als hanebüchener Unsinn. Zum Beispiel kann mich nichts auf Erden dazu bringen, eine Marmelade als Konfitüre zu bezeichnen, nur weil irgendein unter Nivellierungswahn leidender, kleingeistiger Bürokrat das so haben möchte. Daß die Menschheit zu geistiger Entwicklung fähig ist, werde ich erst glauben, wenn alle Normen im Mülleimer landen.

 
 
 
 

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