10. 10. 2007
Am 27. August wird der Tag des russischen Films gefeiert. Dieser Feiertag geht auf den 27. August 1919 zurück, an dem Lenin den Erlaß über die Nationalisierung der Kinematographie (Декрет о национализации кинематографа) unterzeichnete: Die Filmbranche wurde verstaatlicht und in die Obhut des Volkskommissariats für Bildung gegeben. Die Geschichte des russischen Films beginnt jedoch viel früher.
Machen wir zunächst einen Exkurs zur ersten Filmvorführung in Rußland, um den Filmen ein Publikum und eine Atmosphäre zu geben.
1886 eröffnete der Kaufmann Georgij Aleksandrov/Георгий Александров in Petersburg einen der damals europaweit beliebten Vergnügungsparks, den Aquariumgarten/Сад Аквариум, mit einem Restaurant, einer Freiluftbühne, auf der Orchester und Сhöre auftraten, und allerlei Unterhaltung für’s Volk – Fesselballons, Seiltänzern, Feuerwerken und sensationellen Eiskunstwerken im Winter. 1891 ließ Aleksandrov im Aquariumgarten ein Theater (Steintheater/Каменный театр) bauen, das 2500 Zuschauern Platz bot. Dieses Theater ist mit Namen wie Šaljapin/Шаляпин und Čajkovskij/Чайковский verbunden; bekannte europäische Theater- und Operntruppen gaben hier Gastspiele. Vor dieser zugleich glanzvollen und volksnahen Kulisse fand im Mai 1896 die erste Vorführung des Cinématographen der Brüder Lumière statt. Auf dem Anschlagzettel stand::
Französische Operette unter Leitung von Raoul Gunsburg. Die berühmte Mily Meyer! Erstmals unter Mitwirkung der gesamten Truppe: »Pascha Alfred in Paris«1, eine Oper in drei Akten von Victor Roger.
Zum ersten Mal in Rußland. Lebende Bilder. Der Cinématographe der Brüder Lumière. Die letzten Wunder der Wissenschaft.2
Nach dem 2. Akt der Operette wurden mit dem Cinématographen einige Filme vorgeführt.
Wie in allen europäischen Ländern waren natürlich auch in Rußland im Laufe des 19. Jahrhunderts verschiedene Geräte für lebende Bilder entwickelt und vorgeführt worden. Aber erst der Lumièresche Cinématographe überzeugte die Zuschauer und löste eine massenhafte Begeisterung für diese neue Technik aus. Aus diesem Grund gilt die Vorführung dieses Geräts im Theater »Aquarium« als die erste Filmvorführung Rußlands.
Diese erste Filmvorführung stand im Zusammenhang der im gleichen Monat bevorstehenden Krönung Zar Nikolaj II./Николай II, die auf Zelluloid gebannt werden sollte (tatsächlich wurde sie dann auch von Camille de la Serf gefilmt). Ihre Folge war ein sensationeller Boom. Nachdem der Cinématographe ebenfalls im Mai auch in Moskau, Kazan' und Nižnij Novgorod einem breiten Publikum vorgestellt worden war, erfreuten sich Filmvorführungen in Cafés, auf Märkten und in Vergnügungsparks bald größter Beliebtheit. Da ein Großteil Rußlands noch nicht elektrifiziert war, war das ein durchaus abenteuerliches Unterfangen, mußten doch neben den normalen Kinogerätschaften auch Motoren und Dynamos über hunderte von Kilometern durch eine noch ungezähmte Natur transportiert werden. Um diese Hürden zu überwinden, richtete man zum Beispiel auf der Wolga sogenannte Kinoschiffe ein. 1903 wurden schließlich die ersten Lichtspieltheater im heutigen Sinne gegründet, deren Zahl insbesondere nach der Gründung des ersten russischen Filmverleihs 1906 rasant zunahm. 1913 gab es bereits 1412 Lichtspielhäuser nicht nur in Groß- und Gouvernementstädten, sondern auch in Kleinstädten und Vororten.
Trotz der Beliebtheit der lebenden Bilder kam die russische Filmproduktion nur langsam in Gang, was zum Großteil an der dominanten Stellung der französischen Geräte- und Filmhersteller lag. Aber auch das Publikum erfreute sich in den ersten Jahren an der Exotik der französischen Salonstückchen, italienischen Melodramen und amerikanischen Gangsterfilme. Russische Kameraleute drehten in den ersten Jahren vorwiegend Dokumentarfilme. Das änderte sich erst, als im Frühjahr 1908 der Film Die Donkosaken/Донские казаки der französischen Firma Pathé erschien, der die Ausbildung dieser berühmten Soldaten zeigte. In den Donkosaken sah das Publikum erstmals russische Gesichter auf der Leinwand – der Film wurde der erste Kassenschlager der russischen Filmgeschichte.
Als erster erkannte der Petersburger Photograph Aleksandr Drankov/Александр Дранков die Zeichen der Zeit. Bereits im Sommer 1908 brachte er einen kurzen Dokumentarfilm über Lev Tolstoj heraus und im Oktober die Verfilmung des Volksliedes Sten'ka Razin/Стенька Разин.
Aleksandr Drankov/Александр Дранков, geboren 1880, war zunächst Tanzlehrer in Sevastopol, sattelte dann auf die Photographie um und eröffnete schließlich in Petersburg ein eigenes Photoatelier. Er hatte nie eine Schule besucht, dafür aber ein Gespür für die Möglichkeiten neuer Technik. Aus London führte er das neueste elektrische Belichtungsgerät und die bis dahin in Rußland unbekannte Spiegelreflexkamera ein, so daß er als erster russischer Photograph Momentaufnahmen machen konnte. Seine Bilder wurden selbst in englischen und französischen Zeitschriften gedruckt; er wurde zum Hoflieferanten ernannt und 1905 zum Fotokorrespondenten der Duma bestellt.
Nachdem er auf einer Parisreise 1907 die Filmfirma Pathé kennengelernt hatte, gründete Drankov das erste russische Filmatelier, das unter anderem eine Tageschronik und eine Zarenchronik sowie Dokumentarfilme über bekannte Persönlichkeiten (Tolstoj3, Gor'kij, Andreev, Davydov, Mendeleev usw.) drehte. Jede Woche brachte er neue Filme heraus. Das Publikum hatte jedoch bereits Geschmack am gespielten Film gefunden; hinzu kam der überwältigende Erfolg der Pathéschen Donkosaken, und so war im Sommer 1908 in der Presse zu lesen, die Firma A. Drankov werde in Kürze den Film Stenka Razin/Понизовая вольница herausbringen, an dem etwa hundert Schauspieler der Petersburger Theater in historischen Kostümen und Accessoires mitwirkten. Drankov hatte sich bereits früher an einem Spielfilm über Boris Godunov4 versucht, der jedoch beim Publikum durchgefallen war. Nun setzte er auf Werbung und Professionalität. Er veranstaltete Kurse für Kameraleute und schrieb einen Drehbuchwettbewerb aus – auch das war ein Novum; bisher war noch für keinen russischen Film ein Drehbuch geschrieben worden. Als Komponisten der ersten russischen Filmmusik gewann er keinen geringeren als den Leiter des Moskauer Konservatoriums, Michail Ippolitov-Ivanov/Михаил Ипполитов-Иванов. Drankov war also bereit, Neuland zu beschreiten. Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen betrachtete er den Film als Kunstform, die echte Künstler brauchte, und er erkannte das wirtschaftliche Potential der Kinematographie.
1 Der Originaltitel der Operette lautet »Joséphine vendue par ses soeurs«.
2 Французская опера, оперетки под дирекцией Рауля Гюнсбурга. Знаменитая Мили Мейер! В первый раз с участием всей труппы «Альфред-паша в Париже», опера в 3 действиях, сочинение Роже. Und klein darunter: Первый раз в России. Живая фотография. Синематограф Люмьер. Последние чудеса науки.
3 Den Film über Tolstoj können Sie auf der Website Tolstoy Studies Journal ansehen bzw. herunterladen.
4 Über diesen Film kann ich Ihnen nichts erzählen, da er nicht erhalten geblieben ist. Dieses Schicksal teilt er mit zahlreichen anderen Filmen aus aller Herren Länder: Nur etwa 15 Prozent der vor 1920 gedrehten Streifen haben überlebt.
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