10. 10. 2007

1908–1914: die Pionierzeit

Ausländische Filme vor allem der Produktionsfirma Pathé hielten bis zum Ersten Weltkrieg weiterhin einen großen Marktanteil, aber nun kam auch der russische Film in Schwung. Drankovs Erfolg rief den Mann auf den Plan, der das folgende Jahrzehnt beherrschen sollte: Aleksandr Chanžonkov/Александр Ханжонков.

Aleksandr Chanžonkov (1877–1945)

Zunächst widmete sich Chanžonkov mit seinem 1906 gegründeten Filmverleih, dem ersten in Rußland, dem Verkauf ausländischer Filme. Bereits 1907 begann er jedoch mit der Produktion eigener Filme, wobei der Schwerpunkt auf Dokumentarfilmen lag. Sein erster Spielfilm fiel beim Publikum genauso durch wie Drankovs erster Versuch in diesem Genre. Das änderte sich jedoch, als Rußlands einziger Drehbuchautor, Vasilij Gončarov/Василий Гончаров, nach der Produktion von Stenka Razin von Drankov zu Chanžonkov wechselte. Innerhalb kürzester Zeit wurden drei Filme nach Drehbüchern Gončarovs gedreht: Das Lied vom Kaufmann Kalašnikov/Песнь про купца Калашникова (1908 veröffentlicht und sofort ein Publikumserfolg), Die Wahl der Zarenbraut/Выбор царской невесты (1908) und Die russische Hochzeit im 16. Jahrhundert/Русская свадьба в XVI веке (1909). Für diese Filme ließ Chanžonkov in Moskau eine riesige Filmfabrik errichten. Drankov zog sofort mit einem ähnlichen Film nach; den Kampf um die Zuschauer gewann jedoch Chanžonkov, der mit Hilfe seiner italienischen Partner kurzfristig eine große Anzahl von Kopien bereitstellen konnte. Das Lied vom Kaufmann Kalašnikov kostete im Verleih übrigens 75 Kopeken das Meter und war nicht nur ein Publikums-, sondern auch ein finanzieller Erfolg. Mit dem Beginn des Konkurrenzkampfes zwischen Drankov und Chanžonkov kann man wohl von einem eigenen russischen Filmmarkt sprechen, der zwar nicht lange bestand – wir sind nur noch ein Jahrzehnt von der Oktoberrevolution entfernt –, das russische Filmschaffen jedoch in vielerlei Hinsicht prägte.

Experimentierlust mit literarischem Vorbild

Auch der nächste Punkt in diesem Zweikampf ging an Chanžonkov, der 1911 den ersten abendfüllenden Spielfilm drehte. Die Verteidigung Sevastopols/Оборона Севастополя stellte den ersten Versuch eines russischen Regisseurs dar, ein historisches Ereignis in einem Spielfilm ernsthaft darzustellen. Eine Weltpremiere war das Projekt insofern, als zum erstenmal überhaupt zwei Kameras eingesetzt wurden.

Drankov war hingegen der erste, der den damals in Frankreich in Mode gekommenen mehrteiligen Film für Rußland entdeckte. 1914/15 kam der Sechsteiler Son'ka mit dem goldenen Händchen/Сонька Золотая Ручка in die Kinos, ein Straßenfeger, der eine lange Tradition von Mehrteilern begründete, und zugleich der erste russische Abenteuerfilm. Die Lebensgeschichte der berühmten Betrügerin Sof'ja Bljufštejn, die im 19. Jahrhundert so manchen Mann seines Vermögens entledigte, wurde übrigens 2007 erneut verfilmt.

Ausprobieren und Tüfteln gehörten in diesen Jahren in der Filmwelt zum Alltag. So brachte Drankov 1908 mit Der emsige Offiziersbursche/Усердный денщик die erste Komödie auf die Leinwand. Für diesen Film, der beim Publikum durchfiel, bediente sich Drankov auch einer neuen Werbetechnik: Er ergänzte das Kinoplakat, das sich in den Folgejahren zu einer eigenen Kunstform entwickeln sollte, durch Szenenphotos.

1912 kam der erste Trickfilm in die Kinos. Bei den Aufnahmen zu einem Film über das Leben der Insekten mußte der Hobby-Insektenkundler und Hobby-Photograph Władysław Starewicz/Владислав Старевич feststellen, daß sich seine Hauptdarsteller wenig kooperativ verhielten und der starken Belichtung abhold waren. Um genau die Bilder zu erhalten, die er erhalten wollte, fertigte er aus Draht, Plastilin und Wachs Käferfiguren her. Sie wirkten sehr überzeugend – der erste Puppenfilm war geboren. Diese Technik brachte Starewicz 1912 in den Film Die schöne Ljukanida oder der Krieg zwischen Hirschkäfer und Holzkäfer/Прекрасная Люканида, или Война рогачей и усачей ein, dessen Darsteller Insektenpuppen waren. Insgesamt drehte Starewicz sieben Filme dieser Art, wobei er schon bald vom Erwachsenen- zum Kinderfilm wechselte. Starewiczs Filme erfreuten sich nicht nur beim russischen Publikum größter Beliebtheit, sondern lösten in ganz Europa einen regelrechten Sturm der Begeisterung und Verwunderung aus. Schon 1913 wagte Starevič einen weiteren Schritt: In Weihnachtsabend/Ночь перед Рождеством ließ er sowohl Menschen als auch Puppen auftreten.

Thematisch war in den 10er Jahren die Verfilmung von Literatur und Volksliedern besonders beliebt. So kamen bis 1921 47 Verfilmungen von Werken A. S. Puškins heraus. Allein Čechovs Chirurgie/Хирургия diente sieben Filmen als Vorlage. Insbesondere bei den Literaturverfilmungen wurde die Stummheit der Filme als Mangel empfunden; um diesen zu beheben, ließ man Schauspieler hinter der Leinwand begleitende Texte sprechen.

 
 
 
 

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