01. 11. 2007
Den nächsten Teil der Serie möchte ich auf eine vielleicht ungewöhnliche Weise beginnen: mit der sowjetischen Nationalhymne (Ruhm sei und Lob dir, freies Vaterland/Славься, отечество наше свободное). Es ist nicht so wichtig, ob Sie die Worte verstehen, hören Sie sich einfach die Musik an. Sie ist von der ersten bis zur letzten Note ein einziger Triumph. Ich finde, sie macht auf emotionaler Ebene vieles am sowjetischen Leben verständlich, was auf rationaler Ebene ohne persönliche Erfahrung mit Land und Leuten oft nicht nachvollziehbar ist.
Das Revolutionsjahr 1917 setzte der Blüte des russischen Films ein jähes Ende. Ein Großteil der Filmschaffenden, die »Made in Russia« zu einem Synonym für künstlerisch hochwertiges, innovatives und professionelles Kino gemacht hatten, verließ Rußland. Praktisch alle Produzenten gingen 1917–18 nach Jalta und emigrierten ab 1920 in das westliche Ausland. Ebensowenig wie der Exodus der geistig-kulturellen Elite (zwei Millionen Emigranten) waren der Bürgerkrieg (neun bis zehn Millionen Tote) und die Hungersnot 1921–22 (fünf Millionen Tote) den Künsten förderlich. Doch nicht nur das Fachpersonal vom Produzenten bis zum Cutter und das kunstfreundliche Umfeld fehlten, sondern auch das Rohmaterial. Filme waren rar und teuer, außerdem hatten die Produzenten ihre gesamte Studioeinrichtung und die von ihnen produzierten Filme ins Ausland mitgenommen. Wer nun einen Streifen drehen wollte, mußte ganz von vorne anfangen: Er wußte nicht, wie man einen Film professionell produziert, und konnte weder auf Geräte noch auf Filmmaterial noch auf qualifiziertes Personal zurückgreifen. Die 1918 gedrehten ersten sowjetischen Filme waren denn auch in höchstem Maße dilettantisch, eine Beleidigung für Auge und Verstand.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Partei den Nutzen des Films für die ideologische Propaganda entdeckte. So wurde 1919 die gesamte Filmproduktion verstaatlicht, wobei Lenin den nie vergessenen Ausspruch »der Film ist für uns die wichtigste aller Künste« tat. Per Zug und Schiff schickte er Filmteams in das ganze Land, die Filme aufnahmen, politisch korrekt zusammenschnitten und vorführten. Ihr Ziel waren nicht künstlerisch oder technisch hochwertige Aufnahmen, sondern die Lenkung der öffentlichen Meinung. Die Agitpropstreifen sollten Millionen des Lesens und Schreibens unkundige Arbeiter und Bauern auf das neue System mit seiner goldenen Zukunft einstimmen. Gerade die Stummheit des Films machte ihn zum idealen Propagandamedium, da in der jungen Sowjetunion über hundert Sprachen gesprochen wurden. Die Sprache der Bilder erschloß sich hingegen allen.
Manch einer mag abwinken, sobald das Wort »Agitprop« fällt. Tun Sie das lieber nicht. Daß die Filme der Zwanziger die Idee des Sozialismus propagieren sollten, heißt nicht, daß sie schlecht waren. Selbstverständlich muß man sich auf eine unreflektierte Darstellung der Sowjetideologie gefaßt machen, sollte der neue russische Film doch eine neue Vergangenheit (Alptraum), Gegenwart (Triumph der Gerechtigkeit) und Zukunft (Himmel auf Erden) erschaffen, um dadurch die Welt und den Menschen zu verändern. Die Zwanziger waren jedoch auch die Zeit einer ungemein experimentierlustigen und innovativen Avantgarde, die Techniken und Ideen entwickelte, von denen der internationale Film bis heute zehrt. Sie brachte Filme hervor, die im Regal keines Filmkunstliebhabers fehlen sollten.
Sie haben eine eigene Erfahrung oder andere Meinung, eine Anregung oder Frage zu diesem Thema? Ich freue mich über alles, was uns voranbringt.
Gossensprache und -verhalten (Fäkaliensprache, Werbung, persönliche Angriffe usw.) behalten Sie im Interesse der Leser bitte für sich.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.