01. 11. 2007
Der bekannteste Agitpropregisseur war Dziga Vertov/Дзига Вертов, der die Wochenschauen Kinonedelja (1918 bis 19) und Kinopravda (1922 bis 1925) drehte. Seine frühen propagandistischen Dokumentarfilme waren von geschäftig durchs Bild hastenden Menschen geprägt, die die revolutionäre Energie und Dynamik symbolisieren sollten. Die Geschäftigkeit hatte allerdings auch einen einfachen praktischen Grund: Da das Filmmaterial knapp und wertvoll war, mußte es maximal ausgenutzt werden.
Allerdings waren Vertovs Filme im Gegensatz zu seinen Wochenschauen nicht durchgängig propagandistisch, vielmehr setzte er in ihnen zunehmend seine eigene avantgardistische ästhetische Philosophie um. Vertov forderte eine Abkehr vom Illusionskino, eine neue Sicht auf die Welt, wie sie nur das Kamera-Auge liefern kann. Aufgrund dieser Philosophie beschreibt die Bezeichnung »Dokumentarfilm« Vertovs Werke nur unzureichend; sie waren durchaus künstlerische Filme, die vom Regisseur selbst auch als solche verstanden wurden. Selbst Vertovs propagandistische Wochenschauen waren immer auch Filmexperimente. Sein bekanntester Film war Der Mann mit der Kamera/Человек с киноаппаратом (1929), ein auch heute noch ausgesprochen interessantes Filmdokument, das den Tagesablauf einer sowjetischen Großstadt beobachtete. Vertovs Forderung, der Film solle das Leben zeigen, wie es ist, statt es zu inszenieren, und seine experimentelle Montagetechnik wurden in den 1960er Jahren von der französischen Nouvelle Vague/Neuen Welle wiederentdeckt und zum Beispiel von Jean-Luc Godard hochgeschätzt. Zu Vertovs zeitgenössischen Bewunderern zählten unter anderem Charlie Chaplin und Walter Benjamin. Für die Sowjetunion seiner Zeit gingen Vertovs Experimente jedoch zu weit; seine künstlerische Karriere war Anfang der Dreißiger vorbei, als auch der Film unter das Dogma des sozialistischen Realismus gestellt wurde.
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