01. 11. 2007
Filmplakat (Bildquelle)
Von 1919 bis 1930 drehte Dziga Vertov eine Fülle von Filmen, die sich sowohl durch ihre technische und künstlerische Experimentierlust als auch die allgegenwärtige ästhetische Philosophie Vertovs auszeichneten. Sein Mann mit der Kamera/Человек с киноаппаратом aus dem Jahr 1929 fehlt in keiner Weltgeschichte des Films. Obwohl er mittlerweile achtzig Jahre auf dem Buckel hat, hat dieser Film nichts von seiner Kraft eingebüßt.
Der Mann mit der Kamera dokumentiert den Tagesablauf einer sowjetischen Großstadt (Odessa). Er begleitet ihre Menschen, Straßen, Geschäfte und Fabriken vom Tagesanbruch bis zum Schlafengehen. Er dokumentiert sich jedoch auch selbst; die Kamera beobachtet die Kamera und die Entstehung des Films. Schließlich dokumentiert er auch das Publikum im Kinosaal. Obwohl der Film keine Handlung im eigentlichen Sinne hat, schafft die Montage viele kleine Handlungen, verwebt sie miteinander und erzeugt damit einen großen Kontext. Sie lenkt den Blick auf die zahllosen gleichzeitig ablaufenden Momente, zeigt uns die Dinge und Menschen aber auch so, wie wir sie normalerweise nicht sehen, etwa die Maschinen, die nachts stillstehen. Gerade durch das scheinbare Chaos der Szenen treten Wiederholungen, Parallelen und Gegensätze hervor: Frauen bei der eleganten Morgentoilette und beim Schmieren der Straßenbahnweichen, in den Wehen und auf Kinoplakaten. Dazwischen immer wieder der Kameramann, das Kameraauge, das die Menschen und ihr Leben unermüdlich festhält.
Einer der erstaunlichsten Aspekte dieses Films ist, daß sich die Kamera trotz der experimentellen und außergewöhnlichen Kameratechnik nie in den Vordergrund drängt. In modernen Filmen scheint die Kamera oft wichtiger zu sein als die Geschichte. Nicht so bei Vertov. Selbst wenn die Kamera selbst zum Gegenstand des Films wird, bleibt sie gleichzeitig distanzierter Beobachter und Teil eines großen Ganzen. Trotz der Fülle an Bildern und Szenen verliert der Film nie seinen Zusammenhalt.
Wenn Sie möchten, können Sie sich hier den Anfang des Films ansehen.
Filmausschnitt
Ein richtig alter und auch russischer Film, aber er ist einfach klasse! Man muss ihn unbedingt sehen! Toller Artikel!
Danke auch für das Video!
Gruß
Kerry
Sie haben eine eigene Erfahrung oder andere Meinung, eine Anregung oder Frage zu diesem Thema? Ich freue mich über alles, was uns voranbringt.
Gossensprache und -verhalten (Fäkaliensprache, Werbung, persönliche Angriffe usw.) behalten Sie im Interesse der Leser bitte für sich.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.