01. 11. 2007
Vor dem Problem des fehlenden Filmmaterials stand auch Lev Kulešov/Лев Кулешов, Lehrer an der neugegründeten Moskauer Filmschule. Er machte aus der Not eine Tugend und lehrte seine Schüler die Kunst der Montage nach dem Motto »aus alt mach neu«: Er ließ sie Segmente alter Filme zu neuen Filmen zusammenschneiden. Kulešovs Verfahren beruhte auf der Überzeugung, daß die Bedeutung einer Filmsequenz ausschließlich davon abhängt, wie das Publikum die Aufeinanderfolge der einzelnen Bilder interpretiert. Als Beweis für seine Theorie diente unter anderem ein Experiment, bei dem dasselbe Männerporträt je nachdem, ob es mit dampfender Suppe, einer Leiche oder einem spielenden Kind zusammengeschnitten wurde, Hunger, Trauer oder Rührung ausdrückte. Diese als Kulešov-Effekt bekannte Abhängigkeit hatte beträchtlichen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Montagetechnik. Als beherrschendes künstlerisches Stilmittel wurde der Kulešov-Effekt erstmals von Vsevolod Pudovkin/Всеволод Пудовкин in seinem Film Mutter/Мать (1926) eingesetzt. Der Regisseur Aleksandr Dovženko/Александр Довженко entwickelte die Technik weiter und nutzte sie für die Visualisierung von Gegensätzen. In seinem 1930 veröffentlichten Film Erde/Земля stellte er auf diese Weise malerische ukrainische Landschaftsaufnahmen der rauhen Wirklichkeit dieser Jahre gegenüber. Kulešovs Einfluß geht jedoch weit über seine Zeit und sein Land hinaus; einer der berühmtesten Regisseure, die sich immer wieder auf ihn beriefen, war Alfred Hitchcock (vor allem in Rear window/Das Fenster zum Hof).
Kulešov drehte auch selbst Filme, zum Beispiel Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki/Необычайные приключения мистера Веста в стране большевиков (1924) und Der große Tröster/Великий утешитель (1933). Im letzteren bringt Kulešov seine Kritik an derjenigen Kunst zum Ausdruck, deren einziger Zweck darin besteht, über die enorme Diskrepanz zwischen Soll und Ist hinwegzutrösten. Die Geschichte: Hinter Gittern und von der brutalen Ungerechtigkeit des Strafsystems niedergedrückt, beginnt O’Henry über seine Zellengenossen zu schreiben. Er verzichtet auf die kritische Macht der Feder und dichtet seinen Leidensgenossen stattdessen lieber interessante Schicksale an.
Nicht nur Kulešovs Filme waren nicht immer mit dem neuen Dogma vereinbar, sondern der Regisseur sprach sich auch in seinen filmtheoretischen Artikeln entschieden dagegen aus, die Filmkunst in den Dienst der sowjetischen Gegenwart zu stellen. Er übte heftige Kritik an der Kunst dieser Gegenwart, die er als bloßes Handwerk, als hochgradig dilettantisch und eine Sackgasse bezeichnete; sie müsse entweder tatsächlich Kunst werden oder verschwinden. Kulešov geriet in Konflikt mit der Zensur und drehte 1943 seinen letzten Film.
Nun habe ich gerade einmal zwei frühsowjetische Regisseure kurz besprochen, und schon haben wir zwei, die der Zensur mißfielen. Das war zwar sicherlich nicht angenehm, ich kann mir ob dieser Tatsache aber auch keine Träne abringen. Wie es der Krusenstern in Anlehnung an die Filmhistorikerin Susanne Schattenberg kürzlich formulierte: »Die sowjetischen Regisseure der Gründerzeit waren aber nicht Opfer, sondern ›Agenten des politischen Systems‹«. Ob Vertov, Kulešov oder Ėjzenštejn, die Filmgrößen der frühen Sowjetzeit gehörten durchwegs zu der Generation, die sich noch frei für oder wider den Verbleib in der Sowjetunion entscheiden konnte. Es gab noch keinen eisernen Vorhang. Wer sich nicht in den Dienst der Sowjets stellen wollte, ging. Diejenigen, die blieben, wollten am Aufbau des neuen Staates mitwirken. Ja, sie waren große Künstler. Aber sie waren Künstler, die bewußt und absichtlich Propaganda betrieben. Mit ihren Filmen gaben sie den für die Partei wichtigen Themen eine Plattform, die die gesamte Bevölkerung erreichte. Sie setzen diese Themen so um, daß das Publikum im Sinne der Partei gelenkt und indoktriniert wurde. Dafür, daß sie dann auch die Folgen ihres Tuns tragen mußten, allein die böse Zensurbehörde verantwortlich zu machen, wäre zu einfach. Man kann nun einmal nicht gleichzeitig ja und nein sagen.
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