17. 12. 2007
Filmplakat (Bildquelle)
Die Arbeiterfamilie Vlasov während der Revolution von 1905. Der Sohn Pavel gehört der Arbeiterbewegung an, die ihre Ziele mit Streiks zu erreichen versucht, während sich der alkoholkranke, zu Gewalttätigkeit neigende Vater den reaktionären Streikbrechern anschließt. Zwischen beiden steht die Mutter Nilovna, die sich vor allem um das Wohlergehen der beiden sorgt.
Als die Streikbrecher die friedlich streikenden Arbeiter angreifen, kommt es zu einem Kampf, in dessen Verlauf der Vater erschossen wird. Die Polizei durchsucht daraufhin die Vlasovsche Wohnung nach Waffen und verspricht der Mutter Straffreiheit für ihren Sohn, sofern sie dessen Waffenversteck preisgibt. Um ihren Sohn zu retten, geht Nilovna auf das Angebot ein; Pavel wird trotzdem verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Das in den Zwischentiteln als gerecht und milde beschriebene Gericht ist alles andere als dies – die Richter sind während der Verhandlung mit ganz anderen Dingen beschäftigt; der eine sieht gelangweilt auf die Uhr, der andere zeichnet sein neuestes Pferd. Als die Mutter, die einzige einfache Frau im Gerichtssaal, nach dem Urteilsspruch nach Wahrheit und Gerechtigkeit fragt, empören sich alle übrigen Zuschauer gegen sie.
Da sie nun einsehen muß, in welch verhängnisvollen Irrtum sie ihre Vertrauensseligkeit geführt hat, verändert sich die Mutter von Grund auf: Aus dem Mütterchen, das auf Gott und den Zaren vertraut, wird eine entschlossene Gegnerin des Zarenregimes, die einer großen Protestkundgebung vor dem Gefängnis teilnimmt. Gleichzeitig mit der Kundgebung revoltieren die Gefängnisinsassen und Pavel kann gemeinsam mit anderen Gefangenen fliehen. Als Fahnenträger stellt er sich an die Spitze der demonstrierenden Arbeiter. Doch die Ereignisse eskalieren und die Demonstranten werden wahllos niedergeschossen. Pavel stirbt in den Armen seiner Mutter. An seiner Stelle hält nun die Mutter die Fahne hoch, bis auch sie getötet wird.
Vater und Mutter (Bildquelle)
Mutter beruht auf Maksim Gorkijs/Максим Горький Erzählung Die Mutter/Мать, die später auch Brechts gleichnamigem Theaterstück als Vorlage dient. Damit knüpft Pudovkin 1926 an die vorrevolutionäre Tradition der Literaturverfilmungen an, die im weiteren sowjetischen Filmschaffen breiten Raum einnehmen werden. Zunächst fühlt er sich mit dieser Aufgabe allerdings überfordert. Als »Kulešovec« sei er, so erklärt er, daran gewöhnt, daß jeder Film ein eigenständiges Werk sei; die Verfilmung eines literarischen Werkes könne er sich nicht vorstellen. Als er sich der Aufgabe schließlich doch annimmt, zeigt er, daß wesentlich mehr in ihm steckt als ein Meister der Montage.
Bereits am Drehbuch wirkt er maßgeblich mit. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Natan Zarchi verdichtet Pudovkin die Handlung der Erzählung und führt als zusätzliche Figur den Vater ein. Dadurch kommt die politische Botschaft eindeutiger als in der literarischen Vorlage zum Ausdruck, da der Parabelcharakter des Filmes deutlicher zutage tritt: Die Familie wird zum Spiegel des Landes. Diese Gleichsetzung ist bereits im Titel angelegt, weil Rußland, die Heimat, im Volksbewußtsein als Mutter (Mütterchen Rußland/мать родная) verankert ist. Indem Pudovkin einen Vater hinzufügt, stellt er der Mutter-Heimat eine zweite Symbolfigur an die Seite: Väterchen Zar/Батюшка-Царь. Dieser Vater ist es, der das Geschick der Heimat und ihrer Kinder bestimmt. Pudovkins Vater wird seiner Schwäche wegen zum Spielball schädlicher Kräfte, die einerseits den Vater zu einer Gewalttätigkeit treiben, die ihm den Sohn entfremdet, und andererseits die Mutter auf eine Weise belügen, die sie von der Dulderin im Namen der Familie zur Rebellin werden läßt.
Pavel (Bildquelle)
Obwohl Mutter eine politische Parabel ist, beschränkt sich der Film nicht auf symbolhafte Charaktere. Alle Figuren (meisterhaft gespielt von Schauspielern des Moskauer Künstlertheaters) sind Individuen mit eigener Geschichte und fein gezeichneten Zügen. In puncto Charakterisierung ist Mutter das direkte Gegenstück zu Ėjzenštejns/Эйзенштейн Panzerkreuzer Potemkin/Броненосец Потемкин, der ebenfalls die Revolution von 1905 zum Thema hat, dessen Hauptdarsteller aber Typen und die gesichtslosen Massen sind.
Die einfühlsame Charakterisierung ist jedoch nur ein Teil dessen, was Mutter sofort zum Welterfolg machte. Jede Szene, jede Einstellung, jede Geste ist bis ins Detail durchdacht. Die ausdrucksstarken Nahaufnahmen bleiben lange Zeit im Gedächtnis – etwa Pavels Gesichtsausdruck, als er erkennt, daß er kein bloßer Sklave des Schicksals ist, sondern in vollem Bewußtsein der Gefahren und des ungewissen Ausgangs für das kämpfen kann, was ihm wichtig ist. Das allmähliche Erwachen der Figuren zu politisch-moralischem Bewußtsein wird durch die Kameraeinstellungen unterstützt, die die Figuren aus ganz unterschiedlichen Winkeln betrachten. So werden zum Beispiel die Vertreter des allmächtigen Staates (Soldaten, Staatsanwalt usw.) oft von unten aufgenommen, so daß sie alles überschatten. Die Mutter wird anfangs meist von oben gezeigt, als gebeugtes, sich verbeugendes Weibchen, bis sie zum Schluß selbst hoch aufragt.
Trotz der propagandistischen Botschaft und der dramatisch-straffen Organisation findet Pudovkin viel Raum für lyrische Bildsprache. Viele Bilder haben eine poetische Gemächlichkeit, und allgegenwärtig ist das Bild des Flusses, dessen Eis unter der Frühlingssonne aufzubrechen beginnt.
Mutter und Sohn
»Ein herrlicher Film, der erste vielleicht, in dem Einzelschicksal und Massenschicksal kompositorisch bezwungen sind«, schrieb schon 1927 ein deutscher Kritiker begeistert. Und 1958 wurde Mutter in die Liste der zwölf besten Filme aller Zeiten und Völker aufgenommen.
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Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.