27. 12. 2007
Filmplakat (Bildquelle)
Rußland im Revolutionsjahr 1905. Auf dem vor Odessa liegenden Kriegsschiff Fürst Potemkin Tavričeskij werden die kärglichen Mahlzeiten der Matrosen mit verdorbenem Fleisch zubereitet. Der Matrose Vakulinčuk spornt seine Kameraden an, diese Behandlung nicht hinzunehmen und dem Beispiel der Arbeiter zu folgen, die sich gerade jetzt überall erheben. Die Matrosen weigern sich, die Suppe zu essen. Daraufhin läßt der Kapitän die Persenning über die Aufrührer werfen, um sie »wie Hunde abzuknallen«. Im letzten Moment wird der Schießbefehl verweigert und es kommt zum Kampf zwischen Offizieren und Mannschaft. Der Kapitän und einige Offiziere werden (ebenso wie der Anstifter Vakulinčuk) getötet, die übrigen über Bord geworfen. Die Matrosen hissen die rote Fahne (von Hand koloriert, leuchtet sie im ansonsten schwarz-weißen Film).
Als die Matrosen den gefallenen Vakulinčuk mit dem Schild »Für einen Löffel Suppe« auf der Mole zur Ruhe betten, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in Odessa. Unglaubliche Menschenmassen strömen herbei (wobei mehr als sonstwo deutlich wird, daß es Ėjzenštejn mehr auf Dialektik denn auf Plausibilität ankommt). Schnell finden sich Redner, die die Trauer der Arbeitermassen in Wut verwandeln und zum bewaffneten Aufstand aufrufen. Die Odessaner tun sich mit den Matrosen auf der Potemkin zusammen und versorgen sie mit ganzen Bootsladungen frischer Lebensmittel. Von der Hafentreppe aus jubeln sie der Schiffsmannschaft zu.
Doch die Reaktion der Machthaber läßt nicht lange auf sich warten. Soldaten marschieren auf und töten alles, was ihnen vors Gewehr kommt. Die Matrosen auf der Potemkin lassen die Odessaner nicht im Stich und feuern auf die Stadt. Bald haben sie selbst jedoch das Admiralsgeschwader auf dem Hals. Gemeinsam mit einem Torpedoboot, das sich ihnen angeschlossen hat, rüsten sie sich zum Kampf und beweisen dabei, daß sie sehr gut ohne Offiziere zurechtkommen. Es kommt jedoch nicht zum Kampf, da sich die Matrosen des Geschwaders den Aufständischen anschließen. Der Film endet in allgemeinem Jubel.
Die Soldaten rücken vor. (Bildquelle: meines)
Trotz des Propagandastils wurde Panzerkreuzer Potemkin nicht nur in Rußland, sondern weltweit begeistert aufgenommen. Die Treppenszene ging in die Filmgeschichte ein und wurde vielfach imitiert, unter anderem in Brian De Palmas Die Unbestechlichen/The Untouchables und Woody Allens Bananas.
Die beiden Kampfszenen, auf dem Schiff und auf der Hafentreppe, zeigen sehr gut, daß Ėjzenštejn kein Interesse am Individuellen hat. Wenn seine Kamera einzelne Elemente aus der Masse herausholt, dann sind dies Typen und Symbole, aber keine Individuen. Ein Beispiel dafür ist das Kreuz des Schiffspriesters, mit dem er die Erschießung absegnet, mit dem er sich in Erwartung der Erschießung ungeduldig in die Hand schlägt (die Parallele zum mit dem Schlagstock spielenden »Herren« ist nicht zu übersehen), das er hochhält, um sein eigenes Leben durch die Ermahnung zur Gottesfurcht zu schützen, und das schließlich beim Tod des Priesters zu Boden fällt.
Der Schiffspriester (Bildquelle: meines)
Der Film inspirierte nicht nur Filmemacher, sondern auch Komponisten, was durchaus im Sinne Ėjzenštejns war, der meinte, jede Generation müsse ihre eigene Filmmusik schaffen. Edmund Meisels Filmmusik entstand in enger Zusammenarbeit mit Ėjzenštejn. Sie verband reine Musik mit vielen anderen Geräuschen und verlieh dem Film eine besondere Dramatik, die er ohne sie nicht gehabt hätte. 1930 wurde Panzerkreuzer Potemkin mit der leider nicht vollständig erhaltenen Originalmusik und 1950 mit der Musik Nikolaj Krjukovs/Николай Крюков nachsynchronisiert. 1965 schrieb Dmitrij Šostakovič/Дмитрий Шостакович die Musik, die den Film bis heute begleitet. 2004 unternahmen die Pet Shop Boys und die Dresdner Sinfoniker eine Neuvertonung, und 2005 schrieb der amerikanische Komponist Yati Durant eine moderne quadraphonische Filmmusik.
Auf der Hafentreppe (Bildquelle: meines)
Wer kann, sollte sich an das russische Original halten. Ėjzenštejns Zwischentitel erzählen nicht; sie sind so gestochen wie seine Bilder, bestehen oft nur aus einem Ausruf. Sie sind darauf ausgerichtet, russische Zuschauer unmittelbar anzusprechen, und lassen sich häufig nicht mit derselben Wirkung übersetzen. Ein Beispiel: Der Zwischentitel »Обидно!« wird in der DEFA-Synchronisierung mit »Es kränkt« wiedergegeben, in der englischen Version mit (übersetzt) »Man kann einem Mann nicht unbegrenzt viel zumuten«. Keine dieser Übersetzungen ruft dasselbe nackte Gefühl bitterer Verletzung hervor wie das eine russische Wort.
Der Film ist in zwei Versionen in Umlauf: der in den Zwanzigern zensierten Fassung und Ėjzenštejns 2004 rekonstruierter und restaurierter Originalfassung mit Zitaten Lev Trockijs/Лев Троцкий.
Filmpremiere 1926 (Bildquelle)
Ich bin begeistert von den Texten!
Meine Frage nur: Woher kommt die deutsche Bezeichnung "Odessaner" für die Bewohner Odessas. Sich selbst nennen sie in beiden Landessprachen (ru und ua) "Odessiten".
Danke für das Lob. Es tut mir nur leid, daß ich so wenig Zeit dafür habe und die Pausen so lang sind.
Zu den Namen:
Ob Du die Einwohner Odessas »Odessiten«, »Odessaner« oder »Odessaer« nennst, dürfte heute ziemlich egal sein. Ich habe mich hier für die meiner Meinung nach einfachste Form entschieden, stimme Dir aber zu, daß »Odessiten« historisch präziser ist. Nicht weil sich die Einwohner Odessas selbst so nennen, sondern weil diese Bezeichnung im Deutschen seit Jahrhunderten belegt ist.
Grundsätzlich orientiert man sich bei der Ableitung von Personenbezeichnungen von Ortsnamen an den Gepflogenheiten der Ziel-, nicht der Landessprache. Die Mailänder sind die Mailänder und die Pariser die Pariser, ganz egal, wie sie sich selbst nennen. Allerdings gibt es wegen der Vielfalt der möglichen Ortsnamensformen keine festen Regeln, sondern nur »Gewohnheitsrecht«. Bei Ortsnamen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel, seit wann und in welchem Maß der Ort bekannt und schriftlich belegt ist, ob er als »fremd« oder »eigen« empfunden wird und ob er aufgrund seiner Form dem deutschen Sprachwandel unterliegt.
Zum Beispiel war bei der Ableitung von Namen aus Namen in früheren Jahrhunderten die Endung »-iten« üblich, die dann nach und nach von »-(an)er« abgelöst wurde. So wurden die Einwohner Moskaus früher als »Moskowiten« bezeichnet, während sie heute meistens »Moskauer« genannt werden. Bei den Odessiten hat sich dieser Sprachwandel nicht so allgemein durchgesetzt, weil das Wort viel seltener verwendet wird.
Das Über-Setzer-Logbuch ist auf meinem Mist gewachsen. Züchten Sie bitte Ihre eigenen Ideen und lassen Sie die Finger von meinen. Danke.