17. 08. 2008

Tschapajew (1934)

Чапаев

Filmplakat (Bildquelle)

  • Deutscher Titel: Tschapajew
  • Produktionsfirma: Lenfil'm/Ленфильм
  • Produktionsjahr:
  • Länge: 93 Minuten
  • Regie: Georgij Vasil'ev/Георгий Васильев, Sergej Vasil'ev/Сергей Васильев
  • Drehbuch: Georgij Vasil'ev/Георгий Васильев, Sergej Vasil'ev/Сергей Васильев
  • Kamera: Aleksandr Ksenofontov/Александр Ксенофонтов, Aleksandr Sigaev/Александр Сигаев
  • Musik: Gavriil Popov/Гавриил Попов
  • Darsteller: Boris Babočkin/Борис Бабочкин (Čapaev), Boris Blinov/Борис Блинов (Furmanov), Varvara Mjasnikova/Варвара Мясникова (Anna), Leonid Klimt/Леонид Кмит (Pet'ka), Illarion Pevcov/Илларион Певцов (Borozdin)
  • Genres: , ,

Tschapajew erzählt die Geschichte des legendenumwobenen Helden Čapaev, der sich im Bürgerkrieg (1918–1921) vom Partisanenführer zum Divisionskommandeur der Roten Armee mausert. Čapaev ist alles, was man von einem sowjetischen Revolutionär erwartet: ein kleiner Handwerker ohne jegliche Bildung, der nach Wissen hungert, wagemutig und wild entschlossen ist, alles zu tun, um den Sieg der Roten herbeizuführen. Aber er ist auch draufgängerisch, undiszipliniert, egozentrisch (wer ist Alexander der Große schon im Vergleich mit Čapaev?) und ganz auf seine Truppe ebenso undisziplinierter und draufgängerischer Partisanen eingeschworen. Eben ein typischer Partisanenführer der Bürgerkriegszeit. Genau deshalb wird ihm Furmanov als politischer Kommissar zugeteilt, der aus dem Anführer einen Offizier machen und die Interessen der Partei vertreten soll.

Eines der bekanntesten Bilder: »Und allen voran ich
auf einem weißen Pferd« (Bildquelle: meines)

Anfangs sind Furmanov und Čapaev wie Hund und Katze. Furmanov ist so ganz anders als alles, was Čapaev kennt. Er ist jung, gebildet, politisch geschult und hat immer ein Schmunzeln im Auge, während Čapaev gerade erst Lesen und Schreiben gelernt hat. Von der verworrenen Politik seiner Zeit weiß Čapaev nur, daß die Roten die Guten und die Weißen die Bösen sind. Als ihn einer seiner Männer fragt »Bist du für die Bolschewiken oder die Kommunisten?«, weiß er nicht recht, was er antworten soll, und redet sich mit »Ich bin für die Internationale« heraus. Čapaev ist gleichgültig, wie seine Männer (von ihm selbst ganz zu schweigen) aussehen oder sich verhalten, solange sie nur tüchtig zuschlagen können. Furmanov erwartet ordentliche Uniformen, Disziplin und einen Kommandeur, der mit gutem Beispiel vorausgeht. Čapaev hat nur eines im Sinn: die Weißen angreifen, wo immer er sie trifft. Furmanov verliert hingegen nie das große Ziel aus den Augen – militärisch, gesellschaftlich und politisch.

Furmanov und Čapaev (Bildquelle: meines)

Allmählich lernt Čapaev Furmanov jedoch schätzen, macht sich seine Lehren zu eigen und freundet sich sogar mit der psychologischen Kriegsführung an. Als seine Leute zum Beispiel ein von den Weißen erobertes Dorf niederbrennen möchten, folgt Čapaev dem Rat des Kommissars und läßt das Dorf stattdessen von seinen Soldaten vor den Weißen schützen, um die Unterstützung der Dörfler zu gewinnen. Als Furmanov schließlich abberufen wird, fällt der Abschied tränenreich aus. Und von da ab geht’s bergab. Čapaev vergißt, was er vom politischen Kommissar gelernt hat, wird nachlässig und beschwört damit den Angriff der Weißen herauf, bei dem er selbst umkommt.

Čapaev und sein Bursche Pet'ka (Bildquelle: meines)

Als hier die Western aufkamen, spielten die Kinder mit Vorliebe Indianer. 1934 spielten sie von Moskau bis Vladivostok Čapaevcy. Ganze Fabrikbelegschaften gingen geschlossen mit Orchester und Spruchbändern wie »Wir sehen uns ›Tschapajew‹ an« ins Kino. 1935 wurde mit Tschapajew das erste sowjetische Filmfestival eröffnet. Doch nicht nur in der Sowjetunion schlug der Film hohe Wellen, sondern auch im Ausland. Von Berlin bis New York waren die Kritiker begeistert. Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde Tschapajew – Paradebeispiel für den sozialistischen Realismus und randvoll mit sowjetischer Propaganda – mit dem Großen Preis ausgezeichnet. Und er wird zu den besten Werken der Filmgeschichte gerechnet.

Tschapajew traf genau den Zeitgeschmack. Er vereinigte Folklore und Western, Liebe und Krieg, Tragik und Komik in einem ausgewogenen Verhältnis und wurde mit einer Musik untermalt, die immer genau den richtigen Ton traf. Es hat den Anschein, als hätten die Vasil'evs aus allen Filmen der frühen Sowjetzeit das Beste herausgepickt und in diesem Film zusammengemischt: Lev Kulešovs/Лев Кулешов Montage, den Expressionismus Grigorij Kozincevs/Григорий Козинцев und Fridrich Ėrmlers/Фридрих Эрмлер und das rasante Tempo der Komödien Boris Barnets/Борис Барнет.

Anna (Bildquelle: meines)

Zum Teil hatte die sofortige und enorme Wirkung auf das sowjetische Publikum nichts mit der Qualität des Films an sich zu tun. Auch die Filme der Avantgarde hatten international Begeisterung hervorgerufen, aber sie waren doch in erster Linie Filme für ein gebildetes Publikum. Sie berührten den Verstand, aber nicht das Herz. Sie erzählten keine Geschichte im traditionellen Sinne und hatten keine Helden. Genau die braucht man aber, wenn man die Massen erreichen und erst recht wenn man einen Mythos schaffen möchte. Und Čapaev war ein Held mitten aus dem Leben, mit dem sich jeder identifizieren konnte. Seine Geschichte war die vieler Zuschauer, die den Bürgerkrieg selbst noch erlebt hatten. Wen störte da schon, daß das Bild von den heroischen, mitfühlenden, alles Übel rächenden, durch und durch guten Roten und den grausamen, kalten, erzbösen Weißen nicht der Wahrheit entsprach? Ganz zu schweigen von dem noblen politischen Kommissar, der Ordnung ins Chaos bringt und alle mit sanfter Hand auf den rechten Weg führt? Das gehörte alles zum Mythos, zu dessen Festigung Tschapajew mit seinen volksnahen, zutiefst russischen Charakteren nicht wenig beitrug. Davon, wie sehr dieser Film Teil der modernen Folklore geworden ist, zeugen schon allein die zahlreichen geflügelten Worte, die aus dem Film hervorgegangen sind, etwa »Ruhe, Leute! Čapaev denkt!« (Тихо, граждане … Чапай думать будет!). Dafür spricht auch, daß in modernen Filmen immer wieder auf Tschapajew Bezug genommen wird. So etwa in Randgebiet/Окраина (1998, Petr Lucik/Петр Луцик) und Die Sonne, die uns täuscht/Утомленные солнцем (1994, Nikita Michalkov/Никита Михалков).

Der Feind (Bildquelle: meines)

Tschapajew trug nicht nur wesentlich zur Schaffung des Revolutionsmythos und seiner Verankerung im Herzen (statt nur im Verstand) bei, sondern setzte auch einen entscheidenden Maßstab für den sozialistischen Realismus. Er war bei allen beliebt, weil er von allen verstanden wurde – vom Akademiker bis zum Kolchosarbeiter, vom Filmschaffenden (Ėjzenštejn war ein großer Bewunderer des Films) bis zum Partei-Ideologen (Stalin war begeistert). An diesem »von allen verstanden werden« mußten sich alle darauffolgenden Filme messen lassen.

Propagandaplakat zum Kriegsbeginn 1941. Die drei roten Figuren im Hintergrund sind Aleksandr Nevskij, General Suvorov und Čapaev, wie sie die Zuschauer aus den gleichnamigen Filmen kannten. (Bildquelle)

 
 

3 Kommentare

  1. leschek bodo
    19.11.2009, 19.43 Uhr

    wo bekomme ich nur diesen film her
    auch kotschubej
    schiffe stürmen bastionen
    schüsse an der grenze
    usw.
    danke


    (Kommentar-Link)
  2. uebersetzer
    20.11.2009, 09.16 Uhr

    In welcher Sprache? Falls Sie die Filme auf Deutsch suchen, kann ich nur immer wieder den Online-Händler petershop empfehlen, der meiner Erfahrung nach hierzulande das größte und vor allem vielfältigste Angebot an russischen Filmen hat. Wenn es den Film auf Deutsch oder mit deutschen Untertiteln auf DVD oder VHS gibt, bekommen Sie ihn dort.

    Wenn nicht, wird die Sache schwierig. Leider sind wir armen Liebhaber älterer Filme ja ganz unabhängig vom Produktionsland der Filme auf die Veröffentlichung auf Verkaufs-Medien angewiesen, während ein reicher Filmschatz ungesehen in irgendwelchen Archiven verschimmelt.

    Ich habe selbst noch nie versucht, an solche Filme heranzukommen, und kann nur raten, welchen Weg man beschreiten könnte.

    Zum einen gibt es einige Filmmuseen, deren Sammlungen ältere russische Werke enthalten. Zum Teil verleihen die Museen die Filme auch an Privatpersonen, meist aber, wenn ich mich recht erinnere, zu ziemlich horrenden Preisen. Zum anderen könnte es sich lohnen, herauszufinden, wer (welches Studio oder welcher Sender) die deutsche Version ursprünglich herausgegeben hat, und dort ganz naiv anzufragen, was aus dem Film geworden ist. Als dritte Anlaufstelle fällt mir der Herausgeber Icestorm ein, der Filme aus dem Bestand der DEFA veröffentlicht. Falls Sie dort auf einen netten Menschen treffen, verrät er Ihnen vielleicht, wie Sie an Filme herankommen könnten. Und zuguterletzt sind da noch die Programmkinos, die russische Filme zeigen. Die haben selbst zwar auch nur mit dem kommerziellen Verleih zu tun, aber vielleicht weiß dort jemand mehr.


    (Kommentar-Link)
  3. Ulrich Schlupsky
    30.03.2010, 19.49 Uhr

    Suche unbedingt
    Tschapaew auf deutsch (lief ja in der DDR)
    Kotschubej
    schiffe stürmen bastionen
    schüsse an der grenze
    Der Junge vom sklavenschiff

    danke
    Ulrich schlupsky
    Musiker


    (Kommentar-Link)
 
 

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