18. 12. 2008

Von der Eiszeit zum Tauwetter

Wie schon gesagt, hatte das Zentralkomitee 1946 heftige Kritik an bekannten Filmen und Regisseuren geübt, woraufhin der Ministerrat 1948 beschloß, daß nur noch zehn Spielfilme pro Jahr herausgegeben werden sollten. Man meinte, wenn diese zehn Filme frei von allen Fehlern seien, reichten sie vollkommen aus. Da das Drehen von Filmen jedoch ein gefährliches Unterfangen geworden war, schöpften die Studios 1951 nicht einmal dieses winzige Kontingent aus. In Zahlen sieht die Entwicklung in der Stalinzeit so aus:
1939: 58 Filme
1946: 26 Filme
1951: 7 Filme
(Die Zahlen stammen aus einem Bericht, der dem Vorsitzenden des Ministerrats 1953 vorgelegt wurde.)

1951 hatte man damit die paradoxe Situation erreicht, daß zwar jede Sowjetrepublik einen Filmminister hatte, die meisten Filmstudios (unter anderem die von Weißrußland, Armenien und Aserbaidschan) den Betrieb aber eingestellt hatten. Selbst die Studios, die noch Filme drehten, mußten einen Großteil ihres Personals entlassen, um über die Runden zu kommen. Die Filmhochschule bildete weiterhin Regisseure, Schauspieler und Filmtechniker aus, aber Arbeit gab es für die Absolventen nicht. Da viele Filme angefangen wurden, aber nur wenige zu Ende gedreht werden durften, stiegen die Durchschnittskosten auf ein unerschwingliches Niveau, und durch die strenge Kontrolle dauerten die Filmarbeiten immer länger.

1952 wagten einige Funktionäre daher Kritik am Prinzip der Konfliktlosigkeit: Der Film sei das Medium, mit dem man die Massen am leichtesten erreichen und erziehen könne, doch diese Möglichkeit werde nicht genutzt. Diese Meinung setzte sich in der Parteiführung offenbar schnell durch, denn die Pravda/Правда kritisierte in einem Leitartikel1 bald, daß in letzter Zeit nur sehr wenige Komödien, Sport-, Abenteuer- und Musikfilme veröffentlicht worden seien, und die führende Literaturzeitschrift Literaturnaja Gazeta/Литературная газета forderte die Wiederbelebung des Kinder- und Jugendfilms. Man war also schon 1952 bestrebt, wieder mehr Filme herauszugeben, allerdings waren die Vorgaben so eng (die Drehbuchautoren wurden angewiesen, jedes Wort sorgfältig abzuwägen und jedes Detail genau festzuschreiben), daß es praktisch unmöglich war, einen einigermaßen realistischen Film über aktuelle Themen zu drehen. Damit tat sich ein neues Paradoxon auf: Einerseits wollte die Führung die Filmproduktion bis ins kleinste Detail reglementieren und kontrollieren, andererseits wünschte sie sich mehr und bessere Filme. In diesem Zusammenhang tauchte bereits im Januar 1953 in einem Artikel von Sovetskoe isskustvo/Советское искусство, der maßgebenden Kunstzeitschrift, über die Oberflächlichkeit und Wirklichkeitsferne aktueller Filme erstmals ein Wort auf, das zu einem der Schlagwörter des Tauwetters werden sollte: Schönfärberei/лакировка. Noch kurz zuvor als große sowjetische Errungenschaft hochgelobte Filme wurden jetzt als seicht, farblos und schlecht gespielt kritisiert.

Und dann starb am 5. März 1953 Stalin: »Das Herz des Kampfgefährten und genialen Fortsetzers der Sache Lenins, des weisen Führers und Lehrers der Kommunistischen Partei und des Sowjetvolkes, Josef Vissarionovič Stalin, hat aufgehört zu schlagen.« Danach schien nichts mehr so zu sein wie vorher.

1 Verwechseln Sie den »Leitartikel« der damaligen Sowjetunion nicht mit dem, was wir hier und heute darunter verstehen. Er war nicht die Meinungsäußerung irgendeines Redakteurs, sondern brachte unter dem Deckmantel der Meinungsäußerung die von der Staats- und Parteiführung beschlossene Politik unters Volk. Er war sozusagen die Anleitung dafür, was man als staatstreuer Bürger zu denken hatte.

 
 
 
 

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