26. 04. 2009
Filmplakat (Bildquelle)
Frühling 1919. 22 Männer, eine Frau und der Komissar Evsjukov entkommen mit knapper Not aus dem eingekesselten Gur’ev (Kasachstan)1. Sie haben nur eine Möglichkeit, sich mit den roten Truppen zu vereinigen: Sie müssen die Wüste Karakum durchqueren und den Aralsee erreichen – vom Kampf müde und verwundet, zu Fuß und ohne Verpflegung.
Anfangseinstellung (Bildquelle: meines)
Müde schleppen sich die Soldaten durch den Wüstensand. Nachts hält Marjutka, die beste Schützin der Einheit – vierzig Menschen hat sie bereits ermordet –, Wache. Gegen Morgen macht sie kasachische Händler aus, die mit ihren Kamelen und einem weißen Offizier auf der alten Seidenstraße ziehen. Nach einer kurzen Schießerei schwenkt der Offizier (den Marjutka zu ihrem Ärger verfehlt hat) die weiße Fahne. Nachdem Evsjukov seine kommunistische Pflicht erfüllt hat, indem er den Händlern ihre Kamele und Verpflegung gestohlen und sie ihrem Schicksal überlassen hat, wendet er sich dem Offizier zu. Bei diesem wird der Befehl gefunden, General Dračenko persönlich geheime Nachrichten mitzuteilen. Als er sich weigert, dem Kommissar diese Geheimnisse zu verraten, bleibt diesem nichts anderes übrig, als ihn mitzunehmen. Marjutka erhält den Auftrag, den Offizier zu bewachen, und die Soldaten machen sich wieder auf den Weg.
Marjutka und Evsjukov (Bildquelle: meines)
An den Kamelen sollen sie sich jedoch nicht lange erfreuen, denn die werden schon in der nächsten Nacht erneut gestohlen. Nun geht es zu Fuß weiter, wobei die Gruppe unter der Wüstensonne schnell zusammenschmilzt. Schließlich erreicht sie den Aralsee, wo sie in einem kasachischen Dorf freundlich aufgenommen und verpflegt wird. Abends schreibt Marjutka an einem Gedicht. Sie weigert sich zunächst, es dem Offizier vorzulesen, weil er es ohnehin nicht verstehe. Er überredet sie mit einem der Schlüsselsätze des Films: »Der Mensch kann den Menschen immer verstehen«. Es ist ein schwerfälliges, aber leidenschaftliches Gedicht über die Heldentaten der Roten. Der Offizier empfiehlt Marjutka, zur Schule zu gehen, und weckt damit einen neuen Traum in ihr. Sobald die Konterrevolutionäre geschlagen sind, möchte sie mehr über Gedichte lernen.
Marjutka liest dem Offizier ihr Gedicht vor. (Bildquelle: meines)
Vom Dorf aus sollen Marjutka und zwei weitere Soldaten den Offizier auf einem Boot ins rote Lager bringen, während Evsjukov mit den übrigen Soldaten zu Fuß weitergeht. Marjutka erhält den Befehl, den Offizier auf keinen Fall lebend in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Obwohl ihn das Boot in die Gefangenschaft bringt, genießt der Offizier die Fahrt, die ihn an alte Zeiten erinnert.
Unterdessen haben sich die Weißen längst an die Verfolgung gemacht, um den Offizier, von dessen Geheimmeldung viel abhängt, zu befreien. So wie zuvor die Händler dafür büßen mußten, daß sie den weißen Offizier in ihre Karawane aufnahmen, müssen nun die Dörfler dafür bezahlen, daß sie die Roten nicht verhungern ließen.
Die Wüste fordert ihren Tribut. (Bildquelle: meines)
Ein Sturm zieht auf, das Boot kentert, Marjutka und der Offizier retten sich auf eine Insel. Er bekommt Fieber, sie pflegt ihn und sieht zum erstenmal nicht nur einen Feind in ihm. Prompt verlieben sie sich ineinander … und das Meer (im Russischen heißt der Aralsee Aralmeer) kommt zur Ruhe.
kasachisches Dorf (Bildquelle: meines)
Streit bleibt jedoch nicht aus. Der Offizier ist entsetzt, daß Marjutka so schnell wie möglich wieder in den Kampf ziehen möchte. Er hat genug von dem sinnlosen Blutvergießen. Erst der Weltkrieg, dann der Bürgerkrieg, und immer behaupten alle Seiten, für die Wahrheit zu kämpfen. Von diesem Unsinn möchte er nichts mehr wissen, sondern nur noch irgendwo in Ruhe mit Marjutka leben. Die beiden versöhnen sich natürlich wieder, doch das Ende naht. Am Horizont taucht ein Segel auf und der Offizier läuft dem Boot entgegen. Als Marjutka aber sieht, daß im Boot Kosaken (also Weiße) sitzen, erschießt sie den Offizier.
der Offizier (Bildquelle: meines)
Die Geschichte ist so zeitlos wie Romeo und Julia, und ebenso wie Shakespeares Drama wird auch Lavrenevs Erzählung Der einundvierzigste/Сорок первый von jeder Generation anders interpretiert: Worin liegt der eigentliche Konflikt, was steht hinter dem Handeln der Figuren und wie würden sie sich heute verhalten? Bereits 1926 verfilmte Jakov Protazanov/Яков Протазанов die Erzählung, die auch mehrfach, zuletzt 2008, auf die Bühne gebracht wurde.
Marjutka (Bildquelle: meines)
In Čuchrajs Verfilmung wird wenig gesprochen. Statt der Figuren spricht die Natur: Wüste und Meer, Vollmond und gleißende Sonne, Sturm und Brandung. Die Dialoge dienen alle dem Konflikt, der sich im Gegensatz zu Protazanovs Film nicht mehr zwischen Roten und Weißen abspielt, sondern in den Menschen selbst, die sich nach persönlicher Freiheit sehnen und gleichzeitig davon überzeugt sind, daß diese Freiheit einem höheren Ideal geopfert werden muß.
kurzes Glück (Bildquelle: meines)
In Cannes erhielt Der Einundvierzigste für sein poetisches und originelles Drehbuch 1957 den Sonderpreis. Für mich gehört er zu den besten Filmen seiner Art. Mit dieser Liebestragödie zwischen den beiden zerrissenen jungen Leuten erzählt Čuchraj die Tragödie Rußlands auf sehr lyrische und unpathetische Weise.
Schlußeinstellung (Bildquelle: meines)
1 Auf der Landkarte werden Sie diese Stadt nicht mehr finden; sie heißt seit 1991 Atyrau/Атырау. Durch ihre Lage an der Mündung des Flusses Ural in das Kaspische Meer war sie ein wichtiger strategischer Punkt und im Bürgerkrieg heiß umkämpft.
Ich finde es schade, dass das Ende so traurig ist. Aber mit einem Happy-End wäre die Dramatik verloren gewesen, welche die Sinnlosigkeit des Krieges wiederspiegelt.
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