01. 07. 2009

Neun Tage eines Jahres (1961)

Девять дней одного года

Filmplakat zu »Neun Tage eines Jahres«

Filmplakat (Bildquelle)

  • Deutscher Titel: Neun Tage eines Jahres
  • Produktionsfirma: Mosfil'm/Мосфильм
  • Produktionsjahr:
  • Länge: 111 Minuten
  • Regie: Michail Romm/Михаил Ромм
  • Drehbuch: Michail Romm/Михаил Ромм, Daniil Chrabrovickij/Даниил Храбровицкий
  • Kamera: German Lavrov/Герман Лавров
  • Musik: Džon Ter-Tatevosjan/Джон Тер-Татевосян
  • Darsteller: Aleksej Batalov/Алексей Баталов (Gusev), Innokentij Smoktunovksij/Иннокентий Смоктуновский (Kulikov), Tat'jana Lavrova/Татьяна Лаврова (Lëlja)
  • Genres:

Wie in der Ballade vom Soldaten hat in Neun Tage eines Jahres der Erzähler das erste Wort. Während die Kamera über sibirische Wälder, Flüsse und ein Dorf gleitet und schließlich über einem riesigen, so gar nicht in diese Umgebung passenden Labor stehenbleibt, erkärt der Erzähler, daß die folgenden Ereignisse so vielleicht nie stattgefunden haben und physikalisch möglicherweise auch ganz unmöglich sind. »Doch die Menschen und ihre Beziehungen zueinander, zur Wissenschaft und zum Leben sind echt.« Damit gibt Romm seinem Publikum gleich zu Beginn einen wichtigen Schlüssel in die Hand: Die Welt der Protagonisten ist das eigentliche Labor, in dem für die technische, gesellschaftliche und persönliche Zukunft geforscht wird. Doch um es gleich vorwegzunehmen: Mit dieser beinahe lyrisch anmutenden Ouvertüre enden die Gemeinsamkeiten der Neun Tage mit bisher vorgestellten Tauwetterfilmen auch schon wieder.

Gusev und Sincov, dem im letzten Moment einfällt, daß er seine Frau vermißt. (Bildquelle: meines)

Die im Titel genannten neun Tage folgen nicht unmittelbar aufeinander, sondern sind neun einzelne, für die Protagonisten entscheidende Tage eines Jahres.

1. Tag (früher Herbst). Die Wissenschaftler im Kontrollraum warten offenbar gespannt auf etwas. Dann plötzlich Sirenengeheul, blinkende Lichter, Türen, die schnell versiegelt werden. Bei einem Kernfusionsexperiment ist der Reaktor durchgebrannt. Doch das Experiment war erfolgreich und nur das zählt für Professor Sincov, obwohl er selbst dabei eine tödliche Strahlendosis abbekommen hat. Auch sein Assistent Gusev war den Strahlen ausgesetzt und wird gewarnt, daß eine weitere Dosis auch seinen Tod bedeuten könnte. Auf der Krankenstation macht sich Sincov sofort wieder an seine Berechnungen, läßt sogar seine Frau hinauswerfen. Erst im letzten Moment scheinen ihm ein paar Wahrheiten aufzugehen und er rät Gusev, diesen ganzen Blödsinn aufzugeben und stattdessen Pilze zu sammeln, zu angeln und eine schöne Frau zu heiraten. Zunächst wird Gusev jedoch nach Moskau ins Krankenhaus gebracht.

Gusev und Lëlja (Bildquelle: meines)

2. Tag (zwei Monate später). Obwohl Gusev es leugnet, ist sein Arzt überzeugt, daß er schon früher einmal eine ordentliche Strahlendosis abbekommen hat, und warnt ihn eindringlich, daß ihm beim nächstenmal niemand mehr helfen könne. Gusev wird von seinem Freund Kulikov, einem theoretischen Physiker, und seiner langjährigen Geliebten Lëlja, ebenfalls Physikerin, aus dem Krankenhaus abgeholt. Kulikov bittet den Freund, nicht nach Sibirien zurückzukehren, sondern mit ihm theoretisch zu arbeiten. Gusev lehnt ab, denn seine Arbeit sei für die Menschheit wichtig. »Für die Menschheit? Die Menschheit ist ohnehin schon so vollkommen, daß sie in nur zwanzig Minuten die ganze Welt zerstören kann.« Gusev wendet ein, seine Arbeit habe nichts mit dem Militär zu tun, sondern diene nur der Gewinnung von Energie für Heizung, Verkehr und letztendlich den Kommunismus, woraufhin Kulikov ihn daran erinnert, daß die Menschen noch jede Erfindung zuallererst für Kriege und Massenvernichtung – zuletzt die amerikanische Atombombe auf Hiroschima – eingesetzt haben. Doch Gusev beharrt darauf, er müsse diese Energiequelle zum Wohle der Menschheit erschließen.

Gusev und Lëlja (Bildquelle: meines)

Lëlja hat es satt, auf Gusev zu warten, der in sechs Jahren nur viermal für ein paar Stunden nach Moskau gekommen ist. Sie hat beschlossen, stattdessen den ebenfalls in sie verliebten Kulikov zu heiraten, der allerdings nicht den Mut findet, Gusev diese Wendung mitzuteilen. Dieser hat jedoch längst erkannt, wie der Hase läuft, und sagt Lëlja, daß er sie ohnhin nicht geheiratet hätte. Als sie nachhakt, gibt er zu, daß er tatsächlich schon früher bei einem mißglückten Experiment einer großen Strahlendosis ausgesetzt war. Jetzt müsse er nur noch ein Jahr am Leben bleiben, um seine Arbeit beenden zu können. Lëlja ändert ihre Hochzeitspläne erneut und teilt Gusev mit, sie werde ihn heiraten, um ihm dieses Jahr zu erleichtern.

Kulikov in der Forschungssatation (Bildquelle: meines)

3. Tag. Auf der Verlobungsfeier entspinnt sich zwischen den anwesenden Physikern eine Diskussion um Sinn und Unsinn der praktischen Forschung, diesmal mit dem Schwerpunkt Raumfahrt (wie Sie sich erinnern, hatte Jurij Gagarin gerade den ersten bemannten Weltraumflug absolviert). Die einen meinen, das Vordringen des Menschen in die Galaxis sei ein Ziel, das keiner Begründung oder Rechtfertigung bedürfe, während die anderen fragen, was die Menschheit durch diese maßlose Verschwendung gewinne.

Gusev und Lëlja (Bildquelle: meines)

4. Tag. Ein Tag wie jeder andere. Gusev und Lëlja sind in Gusevs Forschungsstation zurückgekehrt. Gusev widmet seine ganze Zeit seiner Arbeit. Lëlja, die ihren Mann nur beim Frühstück und dann auch nur hinter der Zeitung sieht, fragt sich, warum überhaupt jemand heiraten möchte. Solange man sich zwei nur lieben, sei alles in schönster Ordnung, aber wenn sie erst einmal Mann und Frau seien …

Die Physiker setzen bei jeder Gelegenheit ihre Diskussionen fort. Zum Beispiel über das Verhältnis von Wissenschaft und Krieg. Ist der Krieg die treibende Kraft hinter der Wissenschaft oder ist es umgekehrt die Wissenschaft, die den Krieg erst ermöglicht und damit die ganze Welt ständiger Gefahr aussetzt? Nebenbei erfahren wir, daß Gusev jetzt (heimlich, damit man ihn nicht von seinem Projekt abzieht) regelmäßig Bluttransfusionen bekommt.

diskutierende Wissenschaftler (Bildquelle: meines)

5. Tag. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelingt ein Experiment. Nur Kulikov bekommt mit, daß Gusev dabei erneut der Strahlung ausgesetzt ist, und Gusev verbietet ihm, irgendjemandem davon zu erzählen.

Gusev und Kulikov (Bildquelle: meines)

6. Tag. Auf den Erfolg folgen viele Mißerfolge, die Gusevs Fanatismus nur noch mehr steigern und ihn immer grober werden lassen.

Gusev: Der Schafskopf Fëdorov hat alles [ein paar Bilder] verwechselt.
Kulikov: Er ist verliebt.
Gusev: Morgen jage ich ihn zum Teufel.
Kulikov: Tut dir der Junge nicht leid?
Gusev: Ich habe deine Güte satt.
Kulikov: Übrigens müssen den Kommunismus unbedingt gütige Menschen aufbauen.
Gusev: Energische.
Kulikov: Gütige und tolerante.
Kulikov: Den Gütigen wird alles unter den Händen weg gestohlen.
Kulikov: Und noch einmal – gütige, und noch einmal – tolerante.

Schließlich wirft Gusev Kulikov rundheraus vor, er gehöre nicht zu »den Guten«: »Früher hätte man dich für deine Äußerungen …«

Gusevs Vater (Bildquelle: meines)

7. Tag. Gusev besucht mit Lëlja seine Familie in einem Dorf, das komplett an einen anderen Ort versetzt werden soll, weil es auf einem Erzvorkommen sitzt. Die ehrliche Einfachheit des Vaters und seine Feststellung »Uns geht es gut. Wir haben alles, was wir brauchen.« stehen in krassem Gegensatz zu Gusevs Vorstellung von dem, was die Menschheit braucht. Auf die Fragen des Vaters antwortet er, ja, er habe die Bombe gebaut, und ja, diese Arbeit sei jedes Opfer wert.

Großvater und Enkel bleiben zurück. (Bildquelle: meines)

8. Tag (wieder Herbst). Obwohl sich Gusev kaum noch auf den Beinen halten kann, zieht es ihn ins Labor. Er ist zufrieden mit dem vergangenen Jahr. Sein erster Versuch sei zwar mißlungen, aber das bedeute nur, daß einer von hundert Wegen zur Wahrheit erprobt und verworfen worden sei. Jetzt müsse er nur noch 99 ausprobieren.

Gusev vor der Forschungsstation (Bildquelle: meines)

9. Tag. Gusev fliegt nach Moskau, um eine hochgradig experimentelle und bis dahin nur an Tieren und mit geringem Erfolg ausprobierte Knochenmarktransplantation durchführen zu lassen, denn: »Ich muß leben.« Vor der Operation teilt ihm Kulikov mit, daß er tatsächlich eine wichtige Entdeckung gemacht hat, wenn auch eine elektrische, keine thermonukleare. Doch alles, was nicht thermonuklear ist, ist für ihn nur eine lächerliche Nebensächlichkeit. Die weitere Entwicklung bleibt offen.

Gusev beobachtet eine Versuchsreihe. (Bildquelle: meines)

Ich habe bewußt so ausführlich aus den Dialogen zitiert. In ihren Diskussionen erforschen die Figuren die Experimente namens Leben und Liebe, Gesellschaft und Kommunismus, ihre eigene Zukunft und die der Menschheit. Dieses Fragen und Suchen hatte es im sowjetischen Film nie zuvor gegeben. Die minimalistische Ästhetik der Bilder versieht die Diskussionen mit einem Kontext: die vom menschlichen Alltag abgeschnittene Forschungsstation mit ihren klaustrophoben Betongängen und von monströsen Maschinen beherrschten Labors. Großvater und Enkel, die langsam in der Ferne verschwinden, während sich Gusev immer weiter von ihnen entfernt. Der vor der kahlen Mauer der Station winzige Gusev. Die riesigen schwarzen Schatten, die die Wissenschaftler an die Wände werfen. Die Stalinschen Prachtbauten in Moskau, die ebenso gewaltig, kalt und menschenfern sind wie die Forschungsstation.

Zu den erstaunlichsten Aspekten des Films gehört, daß auch heute noch der Großteil der Zuschauer Gusev rühmt. Er sei ein Held, der sich für Vaterland und Menschheit aufgeopfert habe. Wie recht Kulikov doch hatte: Der Mensch lernt niemals dazu.

 
 
 
 

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