04. 07. 2009

Das imaginäre Flair des Englischen

Überall, wo Englisch-Deutsch-Übersetzer um Kollegenhilfe bitten, ist sie Dauergast, die Frage nach einem knackigen, unverbrauchten, kraftvollen deutschen Wort. In der Frage schwingt schon die Annahme mit, solch ein Wort könne es nicht geben. Prompt wird dem Frager mit unschöner Regelmäßigkeit die Beibehaltung des englischen Wortes empfohlen, weil kein deutsches Wort je so knackig, unverbraucht und kraftvoll wie das englische sein könne. Dabei ist das englische Wort in 90 Prozent der Fälle keineswegs außergewöhnlich, sondern ein ganz banales Alltagswort, das kein englischer Muttersprachler als besonders knackig oder kraftvoll empfindet. Bei den restlichen zehn Prozent handelt es sich um Wörter, die für englische Ohren ebenso beknackt klingen wie ihre direkte Übersetzung für deutsche.

In das Englische wird von vielen Deutschen (und nicht nur Deutschen) ein Flair des Außergewöhnlichen hineininterpretiert. Ein Flair, das es nicht nur nicht hat, sondern gar nicht haben kann, weil das Englische wie jede andere Sprache in allererster Linie der zwischenmenschlichen Alltagskommunikation dient. Seine Wörter sind nicht weniger banal als die der deutschen, französischen oder italienischen Sprache.

Durch dieses Hineingeheimnissen hat die Anglizisterei mittlerweile den bitteren Beigeschmack einer Religion. Unsere Vorfahren verfügten nicht über das notwendige Wissen, um Blitz und Donner als gewöhnliche physikalische Ereignisse zu erkennen, und so deuteten sie sie aus Unwissenheit und Hilflosigkeit als göttlichen Akt. Dasselbe machen die Anglizisten heute. Sie verstehen nicht, daß das Englische eine menschliche Sprache wie jede andere ist, interpretieren es als göttliches Ausdrucksmittel und verfolgen alle, die ihren in schierer Unwissenheit gründenden Glauben nicht teilen, als Ketzer.

 
 

3 Kommentare

  1. Andreas S
    05.07.2009, 14.34 Uhr

    Großartig!
    Ein sehr guter Beitrag. Danke.


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  2. uebersetzer
    06.07.2009, 09.38 Uhr

    Vielen Dank für die Blumen


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  3. Sheltie
    06.07.2009, 21.56 Uhr

    Die gesunde Mischung machts. Ein paar Anglizismen, zum Beispiel in einem Jugendroman machen das Buch für die Leserschaft interessanter. Dennoch sollte man wenn es ein vergleichbares Wort in der Mutterspache gibt, immer dieses nehmen. Ganz schlimm finde ich allerdings das Eindeutschen von englischen Kosenamen wie z.B Bunch. Ich kann einen bestimmten Agatha Christie Roman nicht mehr lesen, da die Hauptperson ständig als "Bündel" bezeichnet wird! :-(


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