01. 10. 2009

Kindische Häme über Westerwelles Englisch

Sobald er seinen Presseauftritt hinter sich gebracht hatte, fielen diejenigen, die ihm den Erfolg nicht gönnten, allerorten wie böse gackernde, hackende Hühner über ihn her. Ich bin beileibe kein Anhänger Westerwelles oder der FDP und seine Äußerungen haben mich mitnichten in übersprudelnde Begeisterung versetzt. Aber statt sich inhaltlich mit den Aussagen des FDP-Chefs auseinanderzusetzen, überschütteten seine »Kritiker« seine Weigerung, Englisch zu sprechen, mit Häme. Im Nullkommanichts wurden überall Links zu einem YouTube-Film verbreitet, der Westerwelle allein aufgrund seines bemühten Englischs lächerlich machen sollte. Wer sich hier aber tatsächlich der Lächerlichkeit preisgibt, sind die »Kritiker« mit ihrem unsachlichen und kindischen Verhalten.

Westerwelle ist weder Englischlehrer, -dolmetscher oder -übersetzer noch Diplomat. Warum sollte er die englische Sprache beherrschen? Und selbst wenn er sie wie seine Muttersprache spräche, warum sollte er auf einer Pressekonferenz deutscher Politiker über deutsche Politik etwas anderes als Deutsch sprechen? Wie würde ein Engländer reagieren, wenn man ihn auf einer vergleichbaren Veranstaltung auf Deutsch, Spanisch oder Schwedisch anspräche? Würde er in derselben Sprache antworten? Würde er die Frage verstehen? Würde er die Sprache auch nur erkennen?

Mittlerweile hat das Thema sogar seinen Weg in die englischen Medien gefunden. Philip Hensher schrieb für den Independent einen hervorragenden Kommentar, der schon im Anriß die entscheidende Frage stellt: »What was the BBC doing, sending a reporter who can't speak German?« (Was hat sich die BBC nur dabei gedacht, einen Reporter zu schicken, der nicht Deutsch spricht?)

German is spoken by more than 100 million people as a first language in Europe, making it the language with the largest number of speakers in the EU. Yet fewer and fewer British people speak it.

(Deutsch ist die Muttersprache von über hundert Millionen Europäern und damit die größte Sprache der EU. Dennoch wird sie von immer weniger Briten gesprochen. )

We don't mean to be rude, in speaking to foreigners slowly and in English, assuming that they all speak our language since we certainly can't speak theirs.
[…]
But I do think it's terribly rude. Dr Westerwelle was perfectly within his rights to tick off the reporter. A press conference in Germany, relating to a German election, held by a German politician; what language did anyone think it was going to be held in? The mere 100 or so million people who speak this language don't have many weapons against the encroachment of English into their own affairs, but one of them is this: to look down their noses at their pig-ignorant neighbours and say: "So wie es in Großbritannien üblich ist, dass man dort selbstverständlich Englisch spricht, so ist es in Deutschland üblich, dass man hier Deutsch spricht."

(Wir meinen es nicht unhöflich, wenn wir mit Ausländern in langsamem Englisch sprechen und davon ausgehen, daß sie alle unsere Sprache sprechen, weil wir ihre ganz sicher nicht sprechen. […] Aber es ist ausgesprochen unhöflich. Dr. Westerwelle hatte ganz recht damit, den Reporter zurechtzuweisen. Eine von einem deutschen Politiker in Deutschland veranstaltete Pressekonferenz über eine deutsche Wahl … in welcher Sprache sollte die wohl abgehalten werden? Die läppischen 100 Millionen Sprecher dieser Sprache haben nur wenig Möglichkeiten, sich gegen den Übergriff des Englischen auf ihre ureigenen Angelegenheiten zur Wehr zu setzen; eine davon besteht darin, über ihre unfaßbar ungebildeten Nachbarn die Nase zu rümpfen und zu sagen: »So wie es in Großbritannien üblich ist, dass man dort selbstverständlich Englisch spricht, so ist es in Deutschland üblich, dass man hier Deutsch spricht.«)

 
 

3 Kommentare

  1. Markus
    01.10.2009, 14.10 Uhr

    Mit Verlaub, ich möchte dieser Einschätzung widersprechen: auch ich habe mit Kritik auf Westerwelles Verhalten in der Pressekonferenz reagiert, würde das aber nicht mit Häme bezeichnen wollen.

    Zwei Dinge haben mich an Westerwelles Reaktion gestört:

    1. Die unsouveräne udn arrogante Art, wie er den Journalisten abgekanzelt hat ("Es ist Deutschland hier").

    2. Dieser Mann möchte Außenminister werden. Die Sprache der internationalen Diplomatie ist nun mal Englisch. Da finde ich es schon sehr peinlich, dass er diese sowohl schlecht spricht, als auch so unsouverän zu umgehen versucht. Kein guter Start vor dem Start.

    Doch in einem gebe ich Dir Recht: man sollte sich bei der Kritik an Westerwelle mehr auf Inhaltliches konzentrieren, und da fürchte ich, werde wir alle noch genug zu tun haben.


    (Kommentar-Link)
  2. uebersetzer
    01.10.2009, 15.15 Uhr

    Als Politiker in einer gut sichtbaren Position sollte Westerwelle sicher lernen, insgesamt gelassener zu reagieren. Aber ich bin sowohl mit seinem Argument als auch mit der Deutlichkeit, in der er es ausgesprochen hat, hundertprozentig einverstanden. Ich finde auch nicht, daß ein Politiker, egal in welcher Position, Englisch sprechen muß. Er sollte in Zukunft für alle Fälle einen Dolmetscher dabei haben, mehr nicht.

    Noch ein anderes Argument: Das politische Parkett ist glitschig. Nichts ist auf diesem Parkett leichter, als auf der eigenen Zunge auszurutschen. Leicht ist das schon in der Muttersprache und noch viel leichter in einer Fremdsprache. Wir (und ich meine nicht nur Deutschland) haben wirklich schon genug Politiker, die auf Englisch daherstammeln, ohne wirklich zu wissen, was sie sagen. Ich halte es nicht für kritisierens-, sondern für lobenswert, wenn ein Politiker darauf besteht, in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Hoffentlich machen es ihm viele, viele nach.


    (Kommentar-Link)
  3. Harki
    02.10.2009, 10.34 Uhr

    Im Gegensatz zu Markus hat mir nur eines an Westerwelles Verhalten mißfallen, nämlich das unsichere, etwas kindliche und sehr bieder-provinzielle Angebot, nach der Konferenz mit dem Journalisten Tee zu trinken und dabei mit ihm Englisch zu parlieren.

    Der Auftritt des Journalisten war meines Erachtens eine faustdicke Unverschämtheit, und Westerwelle hat ganz allgemein viel zu freundlich und unsouverän reagiert. Ein kurzes, eiskaltes Lächeln, maximal ein Satz oder am besten ganz kommentarlos sofort den nächsten Journalisten fragen lassen. So wäre das in F natürlich gelaufen, und der BBC-Hansel hätte sich sicher sein können, nicht nochmal zu Wort zu kommen.

    Schon Westerwelles Nachgeben, also daß er die Frage auf Englisch mit Übersetzung hat stellen und lassen, war falsch. Er muß da noch was lernen, und das wird er sicher auch.

    Ach Frankreich, Du hast es besser.


    (Kommentar-Link)
 
 

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