24. 10. 2006

Wortgeschichten: ausgepowert

Nicht alles, was wie ein Anglizismus aussieht, ist auch einer. Ein gutes Beispiel dafür ist das Adjektiv ausgepowert. Wenn schon »-ismus«, dann ist dieses Wort ein Frankozismus, denn sein Ursprung liegt im Französischen, das im 18. und 19. Jahrhundert die Hauptquelle deutscher Lehnwörter war.

Ausgangspunkt ist das französische Wort pauvre, das der Arme und arm bedeutet. Zunächst wurde das Wort als das Adjektiv pover ins Deutsche übernommen, zuerst in der wörtlichen Bedeutung arm, später auch im Sinne von armselig, jämmerlich, erbärmlich. So heißt es in den Mitschuldigen von Goethe zum Beispiel:

Er ist ein schlechter Mensch, so kalt, so undankbar!
Er sieht nicht, was er ist, er denkt nicht, was er war,
Nicht an den povern Stand, aus dem ich ihn gerissen,
An seine Schulden nicht; davon will er nichts wissen.

Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet der Expressionist Robert Müller das Wort im übertragenen Sinne:

Der Ästhetizismus ist als eine Kraftform da, als Sport, als kultivierte Idiosynkrasie, das kann man nicht leugnen, er riecht nicht gut, aber die fragwürdigsten Gerüche werden oft Parfüm. Mit seinem povern selbstsüchtigen Glanze kann man Beleuchtungszentren errichten, die genügen würden, ägyptische Finsternisse oder andere Strafen für Kultursünden heimlich zu gestalten.

Als im 19. Jahrhundert sowohl der durch die Ausbeutung der Menschen bedingte Pauperismus als auch das Bewußtsein für soziales Unrecht zunahmen, wurde von dem Adjektiv pover das Verb auspovern abgeleitet, das bedeutete, die Menschen bis zur völligen Verelendung auszubeuten. Erst als der Ursprung des Wortes in Vergessenheit geriet, schlich sich anstelle des v ein w ein und das Verb wurde nun als auspowern geschrieben. Der Wechsel zur englischen Aussprache setzte jedoch erst mit Beginn der Überflutung mit Anglizismen ein. Zusammengefaßt: Das Partizip ausgepowert bezeichnet eigentlich einen durch Ausbeutung in tiefstes Elend gestürzten Menschen.

 
 

2 Kommentare

  1. Ralf Hellbart
    27.10.2006, 17.00 Uhr

    Haben Sie heute schon gehunken?

    Bastian Sick kennt die Fallstricke der verflixt schwierigen deutschen Sprache. Die abstrusesten Verrenkungen sind ihm nicht fremd. Er ist der freundliche Deutschlehrer der Nation. Sein Sprachwissen verpackt er in humoristische Anekdoten und wird deshalb gemocht.

    Ausführlicher Artikel auf DIE WELT.de vom 28.10.06
    zum Buch von Bastian Sick:
    Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.
    Folge 1 und 2.
    Kiepenheuer & Witsch, Köln. 233 S., bzw. 267 S., 15 bzw. 8,95 Euro.

    http://www.welt.de/data/2006/10/28/1088061.html


    (Kommentar-Link)
  2. Ralf Hellbart
    27.10.2006, 17.08 Uhr

    Zu obigem Kommentar siehe auch den Eintrag:

    Grammatik: Dativomanie
    http://blog.ueber-setzen.com/?p=28


    (Kommentar-Link)
 
 

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